Der solidarische Gedanke und das Helfergen

Kirsten Linke, Vorsitzende Deutscher Hilfsverein Barcelona
Interview mit Kirsten Linke, Vorsitzende Deutscher Hilfsverein Barcelona
An einem sehr verregneten Januarabend in Barcelona spreche ich mit Kirsten Linke über Verantwortung, Mitmenschlichkeit und ein Engagement, das seit Jahrzehnten trägt. Es ist ein Gespräch über gelebte Solidarität – und über den Deutschen Hilfsverein Barcelona, der bis heute dort hilft, wo Menschen plötzlich in Not geraten.
Der Verein wurde 1868 gegründet. Welche Vision, welcher innere Antrieb stand damals am Anfang und trägt diese Idee bis heute?
Es war die Idee einer Handvoll deutscher Kaufleute, die sich vorgenommen hatten, Deutschen zu helfen, die hier aus ganz verschiedenen Gründen unverschuldet in Not geraten waren.
Häufig geschah dies nach internationalen Krisen. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es Flüchtlinge aus den ehemaligen Kolonien. Es ging darum, ihnen Essen und Wohnraum zu verschaffen, damit sie hier Fuß fassen konnten. 1939 wurde der Verein verboten, 1944 konnte er seine Arbeit wieder aufnehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand erneut die Flüchtlingshilfe im Mittelpunkt. Der solidarische Gedanke von damals trägt den Verein bis heute, auch wenn er heute mit rund 90 Mitgliedern deutlich kleiner ist als früher.
Der Deutsche Hilfsverein hat Kriege, Umbrüche und gesellschaftliche Brüche überstanden. Was ist das tiefe Geheimnis dieser außergewöhnlichen Langlebigkeit?
Das Geheimnis ist, dass sie einfach angefangen haben. Kaufleute, denen es sehr gut gegangen ist, wollten etwas unternehmen. Früher gab es als Ausländer sicher nicht die Möglichkeiten etwas zu machen.
Wie schaffen Sie diese Langlebigkeit?
Ich bin 34 Jahre im Vorstand und 15 Jahre Vorsitzende. Viele fragen mich auch, warum ich das mache. Meine Lebensträume sind hier in Erfüllung gegangen. Ich habe hier neu geheiratet und habe Kinder bekommen. Mein Mann war viel auf Reisen und da habe ich mir etwas gesucht, das mich ausfüllt. In Deutschland war ich bereits in einem Waisenhaus engagiert. Ich muss dazu sagen, mir ging es finanziell immer gut, sonst kann man sich vielleicht nicht so viel engagieren.
Über die DEG* kam ich zur sozialen Arbeit. Ich war dort schnell im Vorstand, fast 40 Jahre. Mich hat Bernd Faul, der Vorstandsvorsitzende des Hilfsvereins, eingeladen mich im Hilfsverein zu engagieren. Anfangs vertrat ich Frau Galve, die dann leider an Krebs verstarb. Wir haben mit der DEG Senioren betreut, bei Krankenhausaufenthalten geholfen. Es kommt häufig vor, dass hier Urlauber krank werden, kein Spanisch sprechen und dann sind wir zur Stelle. Manchmal übernachten wir sogar im Krankenhaus bei ihnen. Diese Nähe, dieses Dasein im entscheidenden Moment, ist bis heute das Fundament des Vereins.
Wie viele sind aktiv im Verein tätig?
Alle Mitglieder des Vorstands helfen dort mit, wo ihre Unterstützung gebraucht wird. Für die Betreuung der Hilfesuchenden sind wir zu zweit zuständig. Ich arbeite dabei mit einer wunderbaren Mitarbeiterin zusammen: Ingrid Böhmer. Aufgrund ihres offenen und herzlichen Wesens ist sie für diese Aufgabe besonders geeignet und geht sehr einfühlsam auf die Menschen ein.
Ich selbst bin eher etwas zurückhaltender, hatte aber schon immer sehr engagierte Mitarbeiterinnen. Ohne diese Unterstützung könnte ich diese Arbeit nicht alleine bewältigen – dafür bin ich sehr dankbar. Unser Vorstand besteht aus insgesamt acht Personen: dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten, dem Schatzmeister, der Sekretärin sowie mehreren Beisitzern, darunter auch die Pfarrer der DEG und der DKG**.
Wer kommt heute mit der Bitte um Hilfe zu Ihnen und nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wer Unterstützung erhält?
Der Verein hilft allen, die unverschuldet in Not geraten sind. Die Kontaktaufnahme erfolgt über die Website, oft aber auch direkt über die Krankenhäuser. Dort hat sich über Jahre ein verlässliches Netzwerk etabliert: Geht es um deutschsprachige Patienten, greifen Ärzte und Ärztinnen zum Telefon. Auch die Zusammenarbeit mit dem Konsulat ist eng. Wer ausgeraubt wird, wendet sich meist zuerst dorthin – und von dort führt der Weg oft direkt zum Verein. Voraussetzung für Hilfe ist eine Anzeige bei der Polizei, um echte Notfälle abzusichern.
Ist die Hilfe auf Deutsche beschränkt oder werden auch andere Europäer oder Nationalitäten unterstützt?
Heute richtet sich die Hilfe an Deutschsprachige aus ganz Europa: Deutsche, Schweizer, Österreicher, Holländer. Hinter jeder Anfrage steht eine eigene Lebensgeschichte, oft ein schwerer Schicksalsschlag.
In Ausnahmesituationen war und ist der Verein aber auch für spanische Mitbürger da – etwa nach den Attentaten auf der Rambla 2017, als sehr viele Deutsche betroffen waren, oder bei großen Katastrophen wie der Flut im Vallés 1962 und dem Unglück auf dem Campingplatz „Los Alfaques“ 1978.
Jede Hilfsaktion muss vor den Mitgliedern verantwortet werden. Oft geht der Verein in Vorleistung, etwa bei Flugkosten oder dringenden Ausgaben. Die Betroffenen wissen, dass finanzielle Hilfe zurückgezahlt werden soll – auch wenn dies nicht immer geschieht.
Auch Spaniern helfen wir. Da kommen die Fälle meist über die Katholische Kirche rein. Wir machen ja Ökumene zwischen beiden Kirchen und sind in sehr gutem Austausch.
Wenn heute eine Ukrainerin zu Ihnen kommt – was sagen Sie ihr als Erstes?
Ja, da hatten wir auch schon Fälle, wo wir Wohnraum besorgt haben. Bei akuten Fällen versuchen wir immer zu helfen. Man hat mir schon gesagt, ich habe das Helfergen. Sie lacht.
Woher stammen die finanziellen Mittel?
Wir leben von Spenden und Mitgliederbeiträgen. Das kann man einmalig oder regelmäßig machen. Wir versuchen sehr gut zu haushalten. Im Sommer häufen sich die Fälle, wo Urlauber überfallen und bestohlen werden, aber auch jetzt nach Weihnachten. Allein letzte Woche hatten wir fünf Fälle.
Trägt auch der deutsche Staat Verantwortung für Ihre Arbeit?
Gar nicht.
Wie sind Sie persönlich zur DHV gekommen und was hat Sie emotional an diese Aufgabe gebunden?
Seniorenbetreuung ist mein Job. Ich mache regelmäßig Besuche in Residenzen oder Zuhause. Ich lade sie vom DHV zum Essen ein, damit sie mal rauskommen. Da bin ich in ganz Barcelona unterwegs. Ein häufiges Problem ist, dass die Senioren im Alter mehr und mehr ihr Spanisch verlieren oder keine Lust mehr haben, es zu sprechen. Dann ist es schön, wenn jemand kommt und mit ihnen redet oder einfach Kartoffelsalat mitbringt. Das mache ich sehr gerne. In der Coronazeit war es sehr schlimm, weil wir sehr eingeschränkt waren. Manchmal habe ich gekocht für Familien und das Essen vor der Tür abgestellt.
Wenn Sie auf die Entwicklung der DHV zurückblicken: Was hat sich verändert und was ist im Kern gleichgeblieben?
Die Hilfe ist gleichgeblieben, aber wir hatten früher andere Fälle. Heute wie früher arbeiten wir mit der Deutschen Schule zusammen. Wir machen eine Art finanzielle Sozialarbeit, wir unterstützen Lernbeihilfen für Schüler, die die Eltern manchmal nicht zusätzlich zum Schulgeld leisten können oder wir geben Zuschüsse zu Klassenfahrten.
Rückblickend gefragt: Was waren die zwei größten Schwierigkeiten, denen Sie sich stellen mussten?
Das Schlimmste war das Attentat auf den Ramblas. Vom Generalkonsulat haben sie uns sofort angerufen. Wir brachten ein Dutzend Betroffene auch mit Krankentransporten nach Deutschland zurück. Das war viel Arbeit und alle waren geschockt. Den Tag vergisst man nicht. Und die Coronazeit, wo uns so viele Menschen um Hilfe gebeten haben, weil sie nicht einkaufen gehen konnten etc. Wir mussten ja selbst auch aufpassen.
Wie ist es Ihnen gelungen als Frau Ihr privates Leben, Ihr großes Engagement und Ihre Freude am Leben ins Gleichgewicht zu bringen?
Ich habe so viel Gutes erfahren im Leben, dass ich was davon zurückgeben wollte. Erstmal habe ich einen ganz großzügigen Mann, der mir gesagt hat: Mach, was du möchtest, was dir guttut. Ich habe mich so über meine Kinder gefreut, dass daraus ganz selbstverständlich der Wunsch entstand, sich zu engagieren. Mein Tagesablauf war immer gut strukturiert, Schule mit den Kindern, Mittagessen und jeden Tag Mittagsschlaf. Dann war ich nachmittags wieder frisch für weitere Aufgaben. Und dann ist es wie mit dem sprichwörtlichen kleinen Finger: Wenn man einmal anfängt, lässt es einen nicht mehr los – auch, weil es einfach große Freude macht.
Gab es in Ihrem Leben Momente, in denen Sie entmutigt waren und daran gedacht haben, aufzugeben?
Nein, eigentlich nicht. Es gab immer wieder einmal Momente, Schicksalsschläge, wo ich mich zurückziehen wollte, doch das ging nach ein paar Achtsamkeitstagen wieder vorbei.
Barcelona feiert in diesem Jahr den 100. Todestag von Gaudí. Wenn Sie an Barcelona denken: Welche Zeit war für Sie persönlich die schönste – und warum?
Meine schönste Zeit? Ich bin 1980 gekommen und war schwanger. Ich bin durch Barcelona gefahren und hätte jede Palme, jedes Gaudi-Haus umarmen können. Mein Mann hat gearbeitet und ich hatte meinen kleinen Wagen, um Barcelona neu zu erkunden. Ich habe das Barrio Gótico zu Fuß erkundet. Auf dem Markt habe ich mir kiloweise Kirschen gegönnt. Ich habe stundenlang auf den Treppen vor der Kathedrale gesessen und einer kleinen Musikgruppe zugehört. Ich bin die Diagonal entlang gefahren und hätte jauchzen können.
Ich war so glücklich, dass ich in Barcelona war. Ich hätte fliegen können. Das ist meine Stadt.
Wenn die Leser und Leserinnen des TaschenSpiegel unser Engagement unterstützen möchten, dann würden wir uns freuen. Jede Unterstützung ist herzlich willkommen und wir danken Ihnen vielmals dafür!
Frau Linke, vielen Dank für das Gespräch!
Von Ina Laiadhi, Januar 2026
Infos
Deutscher Hilfsverein Barcelona
Tel: +34 689 474 970
https://www.deutscher-hilfsverein-barcelona.org/
Spendenkonto: Deutsche Bank:
ES12 0019 0021 35 4010359400/
BIC / Swift: DEUTESBBXXX
* DEG – Deutsche Evangelische Gemeinde
**DKG – Deutsche Katholische Gemeinde
Schlagwörter: Frauen, Interviews
Share On Facebook
Tweet It






























