LaMeba: Die vierte Freundin in Barcelona

Die 4. Freundin auf dem Montjuic, Foto: Werner Lorke
Von Binnaz Altuner, Ersin Bulu, Bircan Kutlu und der vierten Freundin
In Barcelona vergeht die Zeit auf eine andere Weise.
Wir spüren das vom ersten Moment an.
Selbst der Wind hat es hier nicht eilig; die Straßen tragen uns, ohne zu fragen, wohin wir gehen. Die salzige Luft des Meeres vermischt sich mit den Geschichten, die in die alten Steinmauern eingeschrieben sind. Diese Stadt ermüdet den Menschen nicht. Sie hört ihm zu. So wie wir es brauchen.
Als wir vor der Skulptur stehen bleiben, begreifen wir es alle drei gleichzeitig.
Es braucht keine Worte. Unsere Blicke treffen sich und das Gefühl ist dasselbe.
Die steinerne Frau sitzt gelassen am Rand eines Platzes. Sie lächelt nicht, sie wirkt nicht traurig. Ihr Gesicht trägt keine einzelne Emotion, sondern einen Zustand. Als hätte sie all die Erzählungen der Jahre bewahrt, ohne dass sie zur Last geworden wären. Mitten im Trubel Barcelonas verkörpert sie Seelenruhe. Eine Existenz, die sich für die Stille entschieden hat.
Für uns ist sie längst eine vierte Freundin geworden.
Wir sind drei Frauen.
Unsere Freundschaft begann in der Grundschule. Wir fielen auf demselben Pausenhof hin, schlugen uns die Knie auf und blickten aus denselben Fenstern in unsere Zukunft. Damals war die Welt klein, und wir fühlten uns groß. Dann wuchs die Welt – und wir verteilten uns. Das Leben trug uns in verschiedene Städte: eine nach Stuttgart, eine nach London, eine blieb in der Stadt unserer Kindheit, in Düzce.
Die Entfernungen trennten uns nicht.
Sie machten uns nur tiefer miteinander verbunden.
Wir galten als stark.
Wir wurden Mütter, Ehefrauen, bauten Karrieren auf, erreichten Positionen, wurden Vorbilder – besonders für andere Frauen. Doch kaum jemand fragte nach der Stille hinter diesen Leben. Nach der Müdigkeit, nach den Fragen, die sich nachts leise einschlichen. Nach dem Gedanken: Was wäre, wenn es anders gekommen wäre?
Barcelona wurde genau deshalb unsere Stadt.
Unser erster Besuch war eine Flucht. Ein paar Tage zum Atmen, hin zum Meer, um uns selbst wiederzufinden. Doch die Stadt ließ uns nicht mehr los. Die mediterrane Gelassenheit, dieses Nicht-Hetzen, diese Haltung des „Es darf sein, wie es ist“ – all das trugen wir bereits in uns. Barcelona lehrte es uns nicht. Es gab uns zurück, was wir längst kannten.
Und dann war da diese Skulptur.
Unsere erste Begegnung war Zufall. Wir blieben stehen, schauten, schwiegen. Von da an kehrten wir jedes Jahr zurück. Es wurde kein Ritual aus Gewohnheit, sondern aus Bedeutung. Wir setzten uns neben sie. Wir sprachen, während wir sie anschauten. Laut und leise. Mit Worten und ohne.
Eine von uns legte die Last der Verantwortung aus Stuttgart vor ihr ab – die Einsamkeit, die mit Stärke einhergeht. Eine sprach flüsternd von London, vom Tempo, von der Angst, sich selbst zu verlieren, während man allem gerecht werden soll. Eine erzählte vom Bleiben in Düzce, vom Verwurzeltsein, von dem Mut, nicht zu gehen, wenn alle anderen es tun. Die Skulptur schwieg. Und doch fühlten wir uns zum ersten Mal wirklich gehört.
Auch unsere Freuden teilten wir mit ihr. Beförderungen, erste Schritte unserer Kinder, kleine Siege, die für uns groß waren. Die Sonne Barcelonas umhüllte alles mit derselben Wärme. Diese Stadt drängte uns weder in unsere Vergangenheit noch in unsere Zukunft. Sie nahm uns an, so wie wir waren.
Mit der Zeit begriffen wir:
Barcelona ist mehr als eine Stadt. Es ist eine Haltung. Eine mediterrane Art, dem Leben zu begegnen – nicht gleichgültig, aber auch nicht verkrampft. Die Skulptur ist die Verkörperung dieser Haltung. Sie sitzt. Sie wartet. Sie antwortet nicht. Und vielleicht ist sie uns gerade deshalb so nah.
Wenn der Abschied kommt, jedes Jahr aufs Neue, spüren wir diese leise Schwere. Doch sie entsteht nicht aus Mangel, sondern aus Fülle. Denn wir wissen: In einem Jahr werden wir wieder hier sein. Vor derselben Skulptur. Ein wenig älter, ein wenig schwerer – und ein wenig näher bei uns selbst.
Während wir weitergehen, bleibt die Skulptur hinter uns zurück. Und doch geht sie mit uns.
Wir sind drei Freundinnen. In Barcelona haben wir nun eine vierte Freundin. Sie spricht nicht. Aber sie weiß, wie man gemeinsam schweigt.

LAMEBA 2.0: Es geht weiter
2024 erschien in der edition esefeld & traub der von Ronald Grätz herausgegebene dreisprachige Band „LAMEBA –Mein Barcelona“, ein Stadtlesebuch von fast 70 Autorinnen und Autoren, mit ganz persönlicher Sicht auf die Stadt. Mit dem TaschenSpiegel führen wir dieses Projekt weiter: Jeder neue Beitrag ist auf der Verlagswebsite nachzulesen. https://www.edition-et.de/LAMEBA22@0!/index0d.htm
Schlagwörter: Barcelona, LA MEBA
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