Bewusstseinserweiterung durchs Laufen

Die Natur malt die schönsten Kontraste
Foto: KJW
Endlich ist der Frühling auch in Barcelona eingekehrt! Nach einem für hiesige Verhältnisse doch sehr langen, nass-grau-kalten November, Dezember, Januar und auch noch Februar, fühlen sich die zarten Sonnenstrahlen auf der blassen Winterhaut besonders gut an.
Gehören Sie zu denen, die sich nach den Weihnachtsfeiertagen vorgenommen hatten, das Jahr 2026 mit sportlichen Vorsätzen zu beginnen? Lag auf dem Gabentisch vielleicht ein Paar Laufschuhe? Oder eine funktionale Weste? Und Sie waren richtig motiviert… Doch dann kam das kalt-windige Wetter und brachte die guten Vorsätze erst einmal zum Erliegen. Bis jetzt, zum Frühlingsbeginn?
Zugegeben, wer mit dem Laufen anfangen möchte, braucht gerade zu Beginn Beständigkeit und Durchhaltevermögen. Damit die Anstrengung auch dauerhaft Früchte trägt, sollten regelmäßig drei Trainingseinheiten pro Woche eingeplant werden. Je nach sportlicher und körperlicher Verfassung, Verletzungshistorie und auch Alter, wäre vorab ein Check beim (Sport-)Mediziner ratsam. Ein 24- bis 48-Stunden-EKG kann helfen, Unsicherheiten bezüglich der Überlastung von Herz und Kreislauf beizulegen. Die Versuchung ist groß, sich zu voreilig von einem Artikel in einer Laufzeitschrift überzeugen zu lassen, dass man binnen drei Monaten problemlos an einem Marathon teilnehmen könne. Ich wäre da skeptisch.
Über die vielen positiven gesundheitlichen Auswirkungen des Laufens wird seit Jahrzehnten berichtet, wissenschaftliche Studien dazu findet man per Mausklick zuhauf. Komplettiert wird dies in den letzten Jahren durch die Erkenntnis, dass Laufen sehr positive Auswirkungen auf Geist und Seele hat. Man bekommt den Kopf frei, dunkle Gedanken verschwinden; nachgewiesenermaßen hilft es beim Abbau von Depressionen.
Kommt man erst einmal in diesen Flow des Laufens, wenn die Atmung einhergeht mit den Schritten, wenn der Körper perfekt ausbalanciert, der Rücken gerade, die Arme angewinkelt am Körper anliegen, einfach alles im Rhythmus ist, dann kann es sich wie Meditation anfühlen. Glückshormone werden besonders in der Natur freigesetzt, wenn man umgeben von Bäumen läuft und die Sonne sanft durch die Blätter bricht. Oder auch, wenn man die Gischt des Meeres oder die Feuchte eines Sees spürt; vielleicht auch den Morgentau, der von den langen Gräsern am Wegesrand plötzlich in die Socken perlt. Du spürst und fühlst all das, wenn Du bewusst mit all Deinen Sinnen dabei bist!
Ich bin sehr früh unterwegs. Wenn die Sonne gerade so durch die Wolken bricht, wenn der Tag noch frisch und die Luft nicht abgestanden ist, dann laufe ich am liebsten. Das frühe Aufstehen wird dadurch belohnt, dass, nachdem die ersten Steigungen und Kurven ab Plaza de la Mireia auf der Carretera de les Aigües geschafft sind, ich dieses grandiose Afrika-Gefühl haben werde: die Silhouetten der Bäume, die sich schwarz gegen den glutorangenen Morgenhimmel abheben…
Viel zu schnell bin ich dann im sanften Laufrhythmus oben auf der Holzbrücke und das Panorama wechselt: Barcelona liegt mir zu Füßen! Sämtliche Wahrzeichen der Stadt scheinen langsam wach zu werden. Aus der Ferne höre ich das Rauschen der Autobahnen, die Lichter der zahlreichen Autos, die in die Stadt reinfahren, glitzern gelb und rot. Ich fühle mich privilegiert, dort jetzt nicht Stoßstange an Stoßstange sitzen zu müssen, sondern über Schotter und Steine weiter traben zu können.
Undenkbar für mich mit Kopfhörern zu laufen. Sie beschneiden einen wichtigen Sinn. Würde ich einer schwungvollen Playlist lauschen, könnte ich die Vögle nicht hören, ich würde das eilige Heranpreschen des E-Bikes nicht frühzeitig wahrnehmen und auch nicht, dass ich gleich von einem absolut fitten, mit „Sieben-Meilenstiefeln besohlten Trailrunner“ überholt werde. Kopfhörer auf den Ohren und dazu noch das Handy in der Hand sind für mich rote Karten. Gerade auf unebenen Böden wird hin und wieder gestolpert. Um sich abfangen zu können, sollten – meinen Beobachtungen nach – die Hände besser frei sein.
Was braucht es an Ausrüstung, um mit dem Laufen zu beginnen? Selbstverständlich ein sehr gutes Paar Laufschuhe in der richtigen Größe (kleine Faustregel: eine halbe bis eine Nummer größer als normal) und für den Boden geeignet, auf dem man normalerweise läuft. Für Frauen genauso wichtig: ein optimal sitzender Sport-BH. Jegliche weitere Ausrüstung variiert nach Tages- und Jahreszeit: Kappe oder Mütze, Buff oder Schweißband, Stirnleuchte oder Sonnenbrille, Stützstrümpfe oder Söckchen ohne Naht, Winterlaufhosen, schmeichelnde Allwetterleggings oder flatternde Sommerhöschen. Das Angebot ist riesig und unübersichtlich, sodass man mit gesundem Menschenverstand auswählen sollte. Modisch heißt nicht immer funktional.
Mit einem Augenzwinkern möchte ich an dieser Stelle auf eine Frage antworten, die zu 99 Prozent immer von Männern gestellt wird, wenn es ums Laufen geht: „Nein, ich bin noch keinen Marathon gelaufen. Einen halben habe ich mit viel Begeisterung absolviert und die magische zwei Stundenmarke habe ich um 1:17 Minuten überboten.“ – Statistiken sind für mich sekundär.
Trotz Teilnahmen an Charity- und Stadtläufen laufe ich seit 30 Jahren hauptsächlich für mich, in der Morgenstille, fast alleine auf Feld, Wald und Wiese. Wie weit und wie lang eine Laufeinheit wird, entscheidet sich spontan: Wie fühlt sich mein Körper heute an? Gut in Form für einen steilen Anstieg, für zwei extra Runden? Oder nehme ich lieber die Abkürzung? Meine Sportuhr bestätigt mir, dass Herzfrequenz und Puls im grünen Bereich sind. Ich möchte für Dritte keine gläserne Läuferin sein, meine Werte verbleiben in der Uhr, kein Überspielen auf die App mit Auswertung von Höhenprofilen und Schritten.
Das Allerbeste an meinen morgendlichen Runden ist, dass die letzten Meter immer bergab gehen, also entspanntes Auslaufen. Beim unverzichtbaren Stretching schweift der Blick nach oben. Bewusst nehme ich den strahlend blauen und klaren Morgenhimmel war. In der Ferne tauchen die ersten Flieger auf, deren Piloten interessante Strichkombinationen und Linien in den Himmel malen: „Guten Morgen Tag!“
Von Katrin J. Wagner, April 2026
Schlagwörter: Gesundheit, Sport
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