Europa im Wandel der Welt

Von Kolja Bienert, Januer 2026
Vor einem Jahr stellte sich das aktuelle Kabinett der Europäischen Kommission auf. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen durchläuft ihre eigenen Höhen und Tiefen, und strebt weiterhin in Themenfelder jenseits ihrer Stellenbeschreibung. Zum Beispiel, wenn sie Initiative für einen gesamteuropäischen Drohnenwall ergreift und EU-Mitgliedstaaten dadurch unter Zugzwang setzt. Von der Leyen ist ohne Zweifel sichtbarer als viele ihrer männlichen Vorgänger und verkörpert Europa auf der Weltbühne, wie gehabt nebst den Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten. In dieser Zeit, in der geopolitisch alles möglich zu sein scheint, ist alles, was die europäische Einheit verkörpert, wichtig.
Schon vor einem Jahr bestand für Europa akuter Handlungsbedarf auf der Weltbühne. Die Krisen haben sich seitdem vervielfacht. Donald Trumps Grönland-Pläne avancieren zu einer Zäsur in der NATO-Geschichte, schlimmstenfalls zu einem militärischen Konflikt zwischen Bündnispartnern. Bestenfalls ist es eine Rauchwand. Im Moment lenkt eine ganze Reihe medialer Feuerherde von schlechten Wirtschafts- und Beliebtheitszahlen in den Vereinigten Staaten (Amerikas) ab.
Für die liberale Kommissions-Vizepräsidentin und EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas ist klar, dass die Regeln der bisherigen Weltordnung passé sind und Europa kampffähig sein muss. Als ehemalige Premierministerin Estlands weiß Kallas, dass das vor allem bedeutet, sein eigenes Land verteidigen zu können.
Feinde und mittlerweile auch Verbündete Europas wünschen sich weniger EU-Zusammenhalt, weniger EU oder gar keine EU. Mit einer Unverblümtheit, die Europas Politikspitzen wachrüttelt. Noch nicht genug, so Kallas, vor allem, was die Ukraine und allgemeine europäische Sicherheitsanliegen angeht.
Kallas und von der Leyen stehen in der Kommission ihre Frau, interne Machtkämpfe inklusive, bei denen sich die beiden Powerfrauen wiederholt die Stirn geboten haben. Spaniens Teresa Ribera, ebenfalls Vizepräsidentin und EU-Kommissarin für Wettbewerb, wirkt als Mitte-links-Gegenpol. Die ehemalige spanische Ministerin verteidigt einen schnelleren, grünen Umbau Europas (Green Deal) gegenüber von der Leyen und dem konservativen Lager insgesamt. Das gehört zur gelebten Demokratie, der Machtkampf zeugt von Gleichberechtigung auf höchster Ebene. Wie die Männer, so die Frauen.
Bei Europas Sicherheit wirft sich die Frage auf, ob die EU und NATO zusammen zukünftig überhaupt noch ausreichen werden, um uns eine friedvolle Zukunft zu sichern. Ohne die NATO-Flankierung hätte es die EU nicht so weit gebracht. Und es wäre wahrscheinlich nicht so lang so friedlich geblieben. Zumindest in Nordwesteuropa, denn Teile der jetzigen EU haben unsere friedliche Demokratie auch erst spät oder nur streckenweise erlebt.
In puncto Weltordnung muss man erwähnen, dass Europa lange von der Welt profitiert hat. Vom 15. Jahrhundert bis 1914 dominierten europäische Kräfte weite Teile der Welt. Einige Quellen sprechen von bis zu 80 % der Erdoberfläche. In der Karibik, im Pazifik und in der Arktis sind wir heute noch vertreten. Es gibt weit entfernte Überseeische Länder und Hoheitsgebiete (ÜLG), die zwar nicht unbedingt Teil der EU sind, aber zu EU-Mitgliedstaaten oder anderen europäischen Staaten gehören.
Rechtsaußen und rechtsextreme Kräfte möchten zurück in eine vergangene, stark europäisch oder amerikanisch geprägte Welt. Die Zeiten sind aber vorbei und dies so klar zu sagen, kostet Wählerstimmen. Allein Asiens Anteil an der Weltwirtschaft liegt aktuell bei 31% — 5% Zuwachs seit 2000 — der Anteil Asiens an der Weltbevölkerung bei 50%. Chinas wirtschaftlicher Aufstieg ist ein alter Hut. Viele andere asiatische Länder wie Vietnam, Indonesien und Indien sind längst nachgezogen. Chinas konsolidierte Wirtschaftsmacht ermöglicht es dem Land, auf der politischen Weltbühne weitaus dezidierter aufzutreten als vorher. Und zwar als klarer Gegenentwurf zur EU und der westlichen Weltordnung, zusammen mit anderen Verbündeten. Die Verbindungen zwischen Russland, China, Iran und Venezuela sind zwar aktuell verstärkt in den Medien, sie sind aber nicht neu und strategisch gewachsen. Gemeinsam gegen vermeintliche Imperialisten, so die Losung. Nur um dann nach wertvollen Ressourcen oder Land greifen zu wollen und politisch Einflussnahme ausüben zu können. Heute wie früher, hüben wie drüben, ist Macht die harte Währung der Weltpolitik.
Wir leben in einer Zeit, in der geopolitisch alles möglich ist und sich die Karten neu mischen. Selbst das Mercosur-Freihandelsabkommen mit Teilen Südamerikas konnte diese Woche nach 25 Jahren Verhandlung (!) unterzeichnet werden. Unter dem Strich ist das ist ein gutes Zeichen. Europa bleibt attraktiv und baut Bündnisse aus, statt sie zu zerschlagen. Die Wahlen in den nächsten Jahren werden zeigen, ob EU-kritische Parteien, wie Marine Le Pens Rassemblement National, ihren Kurs letztendlich abschwächen und dann doch Europas Stärke nutzen. Italiens Regierungschefin Georgia Meloni hat ihrem als rechtspopulistisch eingeordneten Kurs nicht abgeschworen, steht aber herzlich begrüßt im Reigen der anderen europäischen Politikspitzen.
Schlagwörter: Europa
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