Kunst verbessert unsere Welt ein klein bisschen

Marko Daniel leitet die Fundación Joan Miro seit 2018 Foto: Fundació Joan Miró
Interview mit Marko Daniel, Direktor der Fundación Joan Miró, dessen Amtszeit im Juni 2026 endet. Daniel war unter anderem als Kurator an der Tate Gallery of Modern Art tätig war und gilt als international vernetzter Ausstellungsmacher mit Schwerpunkt moderne und zeitgenössische Kunst.
Von Ina Laiadhi, Mai 2026
Marko Daniel und ich treffen uns an einem Frühlingstag in einem lichtdurchfluteten Besprechungssaal der Fundació Joan Miró, dessen 1933 gefertigter, farbenfroher Wandteppich Hirondelle Amour mit seinen lebendigen Formen und Farben zum Schauen und Entdecken einlädt.
Die Stiftung feierte gerade ihr 50-jähriges Bestehen. Wie würden Sie Joan Miró und seine künstlerische Vision beschreiben?
Um ganz pedantisch zu sein, das Jubiläumsjahr ist noch nicht abgeschlossen. Es umfasst die 12 Monate zwischen Juni 2025 und Juni 2026. Für Miró war es ganz wichtig, seine Stiftung nicht offiziell unter der Diktatur von Franco zu eröffnen. Als das Gebäude im Juni 1975 fertiggestellt war, entschied sich Miró deshalb bewusst gegen eine feierliche Vernissage. Stattdessen schrieb er damals ganz elegant einen kleinen Text, in dem er erklärte, dass die Arbeiten zu früh fertig waren. Deswegen öffne das Gebäude einfach die Türen für das Publikum, aber auf die Vernissage müsse man noch warten, weil sie noch nicht genau wüssten, wie das Gebäude funktionieren werde. Erst im Juni 1976, nach Francos Tod, fand schließlich die eigentliche offizielle Eröffnung der Stiftung statt.
Daran sieht man gut, welche Vorstellung Miró von seiner Stiftung hatte: Sie sollte kein Mausoleum für seine eigene Kunst sein, sondern ein Ort für zeitgenössische Kunst und Kultur. Das Publikum in Barcelona und ganz Spanien sollte dort internationale Kunst sehen können, die sie nirgendwo sonst in Spanien hätten sehen können. Seine eigenen Werke waren noch mit dabei.
Deshalb wollte Miró auch, dass die Stiftung nicht einfach als „Fundació Joan Miró“ bekannt wird, sondern als CEAC – Centre d’Estudis d’Art Contemporani –, die vier Buchstaben, die bis heute über dem Eingang stehen. Diese Vision spiegelt sich auch in den Statuten der Stiftung wider, dass die Förderung neuer Kreativität und zeitgenössischer Kunst, die Erforschung der Kunst des 20. Jahrhunderts sowie auch die Pflege und Erforschung seiner eigenen Arbeit sei.
Das Gebäude ist in Zusammenarbeit mit dem Architekten Josep Luis Sert entstanden, mit Standort Montjuic, um die Verbindung zur Natur herzustellen.
Für das 50-jährige Jubiläum haben wir auch eine Forschungsarbeit über die Ausstellungsgeschichte ausgeführt, und dabei festgestellt, dass 85% aller Ausstellungen nichts mit Miró zu tun hatten. Natürlich war die Kollektion von Miró immer präsent. Das bot uns die Möglichkeit, kreativer, innovativer und disruptiver zu sein und Neues auszuprobieren. Das machen wir seit 2007 auch durch den zweijährigen Premi Joan-Miró, den die international besetzte Jury 2025 der Künstlerin Kapwani Kiwanga verliehen haben, der wir deshalb dieses Jahr eine Ausstellung widmen.
Sie werden dafür gelobt, die Leitung und Organisation der Stiftung modernisiert zu haben. Was genau haben Sie verändert?
Als ich ankam, war die Stiftung bereits sehr gut geführt. Rosa Maria Malet hatte die Institution 37 Jahre lang geleitet. Gleichzeitig gab es Bereiche, in denen Erneuerungen möglich waren. Beispiele sind das kollaborative Arbeiten, Teamwork, Projektarbeit – neuere Arbeitsformen, die es in anderen Museen noch nicht gab. Mir war es wichtig, dieser Institution in dieser Hinsicht Impulse zu geben.
Wie würden Sie Miró einordnen: Als Maler, Bildhauer, Poet, Avantgardist oder universellen Künstler? Was macht ihn so einzigartig?
Miró ist ein Maler, ein ganz genialer Maler. Er ist auch ein Künstler. Als ich in den 90er Jahren an meiner Doktorarbeit saß, habe ich an einer Kunstschule in Großbritannien unterrichtet. Da gab es noch diese verschiedenen Karrieren wie Maler, Bildhauer, Drucker, Textilarbeitende. Ich habe schon nicht mehr so daran geglaubt. In den ersten Jahren ist man vielleicht spezialisiert, aber danach ist man ein Künstler und arbeitet mit neuen Techniken und Medien wie Fotografie, Film, Performance etc., die für eine neue Arbeit notwendig sind.
Miró war einer der ersten zeitgenössischen Künstler, der seine Arbeit und seine Identität auf diese Weise verstanden hat. Er hat mit Keramik oder Bildhauerei angefangen, weil er ein weiteres Publikum erreichen wollte. So hat er viele Projekte für öffentliche Monumente entworfen. Dort hat er kollaborativ mit anderen Meistern zusammengearbeitet, um zu lernen und seine Ausdrucksfähigkeit zu erweitern. Also ist Miró ein Maler, der auch als zeitgenössischer Künstler mit den Medien und Techniken arbeitet, die nötig sind, um seine Ziele zu erreichen. Immer hat ihn die Unruhe und Neugierde auf neue Horizonte begleitet.
Sie haben in verschiedenen Kulturinstitutionen in England gearbeitet. Wie hat Ihr Weg Sie nach Barcelona geführt?
Ich habe auch in Taiwan gelebt und in Chile eine Biennale geleitet. In meiner Studentenzeit hätte ich nie daran gedacht, der Direktor der Miró-Stiftung zu werden. Es war nie ein konkreter Karriereplan. Vielmehr war es eine Reihe glücklicher Zufälle. Meine Doktorarbeit ging über „Kultureigentum im Spanischen Bürgerkrieg“, wo Miró ein Protagonist war. An der Tate Modern in London organisierte ich 2011 eine umfangreiche Miró-Retrospektive: The Ladder of Escape. Im Rahmen der Recherchen lernte ich diese Stiftung richtig kennen. Als die Stelle angeboten wurde, habe ich mich beworben und wurde ausgewählt.
Sie gelten auch als Experte für chinesische Kunst. Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen chinesischer und katalanischer Kunsttradition?
Jaaa, auf einer eher abstrakten Ebene gibt es Beziehungen zwischen zeitgenössischen Künstlern weltweit. Im Fall von China trifft das besonders zu, da die größten modernen Künstler der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Europa kamen, um hier ihr Me-tier zu lernen. Einer der größten chinesischen Maler des 20. Jahrhunderts ist Zao Wou-Ki, zeitweise der teuerste chinesische Künstler überhaupt, aber wenig bekannt. In unserer Sammlung haben wir eine Zeichnung von ihm, weil er ein Freund von Miró war.
Miró interessierte sich schon in den 1920er Jahren sehr für die ostasiatische Philosophie und den Zen-Buddhismus. Das wurde durch seine Beschäftigung mit Keramik noch vertieft. Für ihn war Keramik zugleich Kunstform und Gebrauchsobjekt, deutlich beeinflusst von der japanischen Keramiktradition, die eine besondere Ästhetik repräsentiert. Er hatte viele Verbindungen zu China und Japan in seiner Kunst.
Wenn japanische oder koreanische Besucher hierherkommen, dann sehe ich, dass sie praktisch über Miró viel tiefer in katalanische Kultur einsteigen, weil er eine Art Brücke ist. Es gibt viele Arbeiten, an denen europäische Besucher verzweifelt davorstehen und sagen: „Was ist das?“ Und ein Ostasiate sagt: „Ah, das ist das Konzept des Nichts im Zen-Buddhismus.“ Es ist das Nichts, aber gleichzeitig eine Landschaft.
Glauben Sie, dass Kunst einen Beitrag zum Frieden leisten kann? Wenn ja, auf welche Weise?
Auf jeden Fall. Das tut sie und das muss sie. Unsere Aufgabe als Kulturarbeiter besteht darin, die absolute Unabhängigkeit der Kunst zu verteidigen, um zu verhindern, dass Politiker und andere sie vereinnahmen und Einfluss darauf ausüben wollen, was Künstler machen. Es geht um den Schutz der Unabhängigkeit und die absolute Verteidigung der Nützlichkeit der Kunst. Kunst hilft dazu, unsere Welt ein klein bisschen besser zu machen.
Wie uns Frau Prof. Dr. Joost im Interview sagte, ist das Goethe-Institut weltweit tätig – nicht, um einfach deutsche Kultur zu exportieren, sondern um sichere, offene Räume für künstlerischen und intellektuellen Austausch vor Ort zu schaffen.
Was uns die Kunst und Miró und alle Künstler uns zeigen, ist, dass uns Kunstwerke die Gelegenheit geben, in eine Verbindung mit der Kunst und der Kreativität des Künstlers und unserer eigenen zu treten. Man kann sie interpretieren, ohne notwendigerweise zu einer gleichen Interpretation zu kommen. Es ist falsch, nur eine einzige Interpretation zuzulassen. Die Kunst zeigt uns, dass wir verschiedene, manchmal sogar widersprüchliche Interpretationen eines einzigen Zustandes gleichzeitig im Kopf behalten müssen. Je besser wir das tun, desto besser ist es für uns. Wir sollten versuchen, die Welt aus den Schuhen anderer Leute zu sehen. Kunst ist wohl eine der besten Möglichkeiten, das zu üben, damit es ganz natürlich wird. Besonders schön sieht man das bei Schulklassen: Kinder begegnen Kunst noch ohne feste Grenzen oder Vorurteile. In vier Jahren kommen an Zahlen gemessen praktisch alle Schulkinder in Barcelona einmal in die Fundación Miró.
Gab es eine Frau – Künstlerin, Muse oder Weggefährtin –, die Mirós Werk besonders beeinflusst oder unterstützt hat?
Zwei Frauen: Seine Frau Pilar Juncosa, die 1929 geheiratet hat und die den Rest des Lebens mit ihm zusammen verbracht hat. Sie war eine Säule und Stütze sein ganzes Leben lang. Sie war sehr praktisch veranlagt und hat ihm sehr geholfen, sein Leben zu führen und in seinem Atelier radikal zu sein, weil zuhause alles geregelt war. Die andere Frau war seine Tochter, María Dolors Miró Juncosa, in die er sehr verliebt war. Eine Zeitlang dachte er, sie würde eine größere Künstlerin werden als er selbst. Er hat sich von ihren Arbeiten auch inspirieren lassen.
Würden Sie sagen, dass Miró eher ein katalanischer oder ein europäischer Künstler war?
Ein katalanischer! Er ist aus Katalonien in die Welt gesprungen. In Spanien gibt es drei Orte, die für ihn wichtig waren: Barcelona, Palma de Mallorca und Mont Roig del Camp. Daneben Paris und Osaka. Die Vereinigten Staaten waren ein häufiges Reiseziel für ihn.
Welche Chancen und Risiken sehen Sie im Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Museen?
Die Künstliche Intelligenz wächst so schnell und in so vielen Bereichen wie das, was man in den Sälen eines Museums sieht. In den Bereichen der Administration, der Finanzen, beim Erstellen von Texten in der Forschung ist die KI unheimlich wertvoll und sehr nützlich. Wir arbeiten viel und kritisch damit. Für mich ist es ganz wichtig, dass das Museum ein Ort ist für den direkten Kontakt mit der Materialität des Kunstwerks bleibt. Während der Corona-Krise wurde ich ständig gefragt, wie wir mit der Digitalisierung der Kunsterfahrung arbeiten würden, ob wir alles digital machen würden. Es ist aber unheimlich wichtig, dass wir unseren Besuchern die Chance geben, mit der Materialität des Kunstwerkes in Verbindung treten zu können. Wir wollen das Kunsterlebnis nicht durch ein KI-Erlebnis ersetzen.
Sie haben die Institution acht Jahre lang geleitet. Welches Werk oder welcher Ort in der Stiftung wird Ihnen persönlich am meisten fehlen?
Ich liebe so viele Arbeiten von Miró (er lacht). Eine sehr schwierige Frage. Eine der wichtigsten Arbeiten ist „Die Hoffnung eines zum Todes Verurteilten“. Ein Triptychon in einer kleinen Kapelle, den er dem jungen Anarchisten Salvador Puig Antic gewidmet hat, der am Ende des Franko-Regime noch zum Tode verurteilt wurde. Diese Arbeit verdeutlicht auch sein politisches und soziales Engagement. Aber auch ohne dass man diesen Hintergrund kennt, ist es eine umwerfende Arbeit, mit einer riesigen emotionellen Kraft. Sie ist site-specific, d.h. ein Raum in der Fundación wurde dafür so gestaltet, dass er genau hineinpasst. Es ist die Zelle eines Einsamen. In der Mitte des Eingangs steht ein Stuhl, auf den man sich setzen kann, um sich in der Arbeit zu verlieren.
Herr Daniel, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Info
Fundació Joan Miró
Parc de Montjuïc, Barcelona
Tel: +34 934 439 470
50 años Fundación Joan Miró
https://www.fmirobcn.org/es/exposiciones/5830/la-poesia-acaba-de-empezar-50-anos-de-la-miro
Schlagwörter: Interviews, Museen und Sehenswürdigkeiten
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