Selbstbestimmung? Gleichbehandlung?
Da geht noch was!
Auf dem Sprung ins Leben und in die Gesellschaft, werfen zwei Abiturientinnen interessante Fragen und Beobachtungen auf: Wie schaffen wir es, soziale Medien selbstbewusst und inspirierend zu nutzen, ohne unecht zu werden? Wie kann es sein, dass im Frauensport oft noch der Mann den Maßstab setzt?
Warum Neutralität im Sport nicht neutral ist
Wenn über Gleichberechtigung gesprochen wird, stehen oft Rechte im Fokus, seltener Grundlagen aus Wissenschaft und Biologie. Männer und Frauen sind biologisch nicht gleich, müssen jedoch die gleichen Rechte haben. – Gleichberechtigung bedeutet daher nicht zwangsläufig auch gleiche Bedingungen. Trotz großer Fortschritte orientieren sich Forschung, Medizin und Sport noch häufig am männlichen Körper.
Im Sport werden Frauen schneller als weniger belastbar eingeschätzt und medizinische Unterschiede werden als individuelle Schwächen interpretiert, nicht als wissenschaftlich erwiesene biologische Unterschiede, die andere Standards erfordern würden.
Ein besonders deutliches Beispiel sind Kreuzbandrisse im Frauenfußball und -basketball. Studien des National Center for Biotechnology Information* zeigen, dass Sportlerinnen im Laufe ihrer Karriere ein drei- bis achtfach höheres Risiko für einen Riss des vorderen Kreuzbandes haben als Männer. Gründe dafür sind unter anderem anatomische Unterschiede wie ein breiteres Becken und ein dadurch veränderter Kniewinkel, biomechanische Faktoren in der Landetechnik sowie hormonelle Einflüsse, die die Bandstabilität beeinflussen. Diese Unterschiede erhöhen das Verletzungsrisiko, sie machen Verletzungen jedoch nicht unvermeidbar.
Hinzu kommen äußere Faktoren: Fußballschuhe und Trainingsbedingungen sind oft weiterhin auf Männer ausgelegt. Frauen spielen häufiger auf schlechteren Plätzen, mit ungeeigneter Ausrüstung und weniger Zugang zu präventiven Trainingsprogrammen. Angepasste Trainingsprogramme können das Risiko jedoch senken. Schuhhersteller produzieren heutzutage teilweise an Frauen angepasste Modelle, doch die nötige Forschung fehlte lange, da Frauensport über Jahre unterfinanziert war.
Wenn Gleichbehandlung davon ausgeht, dass alle gleich sind, entstehen neue Ungleichheiten. Gleiche Rechte erfordern daher unterschiedliche, biologisch angepasste Rahmenbedingungen. Das Beispiel der Kreuzbandverletzungen zeigt, dass selbst scheinbar neutrale Standards Frauen benachteiligen können. Vielleicht erklärt das, warum Gleichbehandlung manchmal korrekt, aber nicht gerecht erscheint – solange der Maßstab nicht für alle passt.
Helene Kettler, 12. Klasse
___
* vgl. Mancino, Fabiano et. al:“Anterior cruciate ligament injuries in female athletes”, 1.10.23, U.S. National Library of Medicine
Bestimmen Medien, wer wir sind?
In unserer Generation spielen Medien eine große Rolle. Wir lesen Modemagazine und schauen Videos auf sozialen Medien. Sie beeinflussen unsere Weltwahrnehmung und entscheiden, wie eine Frau auszusehen, aber auch wie sie zu leben hat.
Auf den ersten Blick scheinen diese Bilder harmlos, doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man, wie unrealistisch sie eigentlich sind und wie sehr sie feministischen Fortschritt lähmen. Wenn das Modemagazin Vogue statt echter Menschen KI-generierte Models abbildet**, entstehen Frauen, die eines gemeinsam haben: „perfekte” Gesichter und Körper.
Virale Tik-Tok-Trends wie „That Girl“ oder „Clean Girl Aesthetic“ motivieren zu einem ordentlichen und disziplinierten Leben. Wenn man sie eins zu eins nachlebt, zeigt sich jedoch, dass hinter vielen dieser Moden vor allem Konsum steht, was nicht immer zu der perfekten Version von uns selbst führt.
Das Problem entsteht, wenn junge Frauen ihr ganzes Leben mit diesen unrealistischen Trends vergleichen und dabei Druck statt Inspiration entsteht. Dieser überwältigende soziale Druck steht plötzlich im Mittelpunkt ihres Lebens und bestimmt, welche Produkte, Kleidung, Kosmetik und Lebensmittel sie konsumieren sollen, um dazuzugehören.
Für die feministische Bewegung bedeutet dies einen Schritt zurück, da man in den letzten Jahren hart dafür gekämpft hat, dass sowohl in der Modeindustrie als auch in den Medien diverse Frauen mit unterschiedlicher Hautfarbe und Körpern erscheinen. Ziel dabei war es, dass sich alle Mädchen und Frauen repräsentiert und wohl in ihrer eigenen Haut fühlten, was heutzutage nicht mehr die Priorität zu sein scheint.
Sich davon zu lösen heißt nicht, soziale Medien und Trends abzulehnen. Als Inspiration sind sie hilfreich. Man sollte sich aber fragen, was zu einem selbst passt und sich nicht an ein künstliches Ideal anpassen. Selbstbestimmung muss nicht perfekt sein, sondern echt!
Anna Bassi, 12. Klasse
____
**Vogue USA, Printausgabe, August 2025
Von Katrin J. Wagner, Januar 2026

Schlagwörter: Deutsche Schule Barcelona
Share On Facebook
Tweet It


























