Interview: Kultur der Kongresse in Barcelona

Christoph Tessmar leitet das Barcelona Convention Bureau seit 2012 , Foto: Convention Buereau
Interview mit Christoph Tessmar, seit 2012 Direktor des Barcelona Convention Bureau, das darauf spezialisiert ist, Veranstaltungen und Kongresse nach Barcelona zu holen.
Ina Laiadhi, Juni 2026
Christoph Tessmar und ich treffen uns auf einen Kaffee im Herzen der Stadt. Das Barcelona Convention Bureau liegt in der Passatge de la Concepció, die eher für erstklassige Restaurants bekannt ist.
Heidelberg, Mannheim, Barcelona – wie sind Sie hierhergekommen?
Ja, ich bin in Heidelberg geboren und begann bei Boehringer Mannheim meine Ausbildung zum Industriekaufmann. Bis 1989 arbeitete ich dort vor allem im internationalen Geschäft und betreute Länder ohne eigene Niederlassung wie Kolumbien, Ecuador und Peru – dabei lernte ich auch Spanisch.
Durch einen Zufall führte mich mein Weg nach Barcelona: Zwei Jahre vor den Olympischen Spielen lud mich der dortige Manager von Boehringer Mannheim ein, vor Ort Erfahrungen zu sammeln. Die Stadt befand sich damals mitten im Wandel von der dunklen Industriestadt zur internationalen Metropole. Mit dem Auto in Barcelona, das war damals noch wie ein Abenteuer, weil man alle zwei Minuten anhalten musste, um auf der Karte zu gucken, wo man war. GPS gab es ja nicht.
In Barcelona durchlief ich verschiedene Abteilungen und wechselte schließlich in den Außendienst. Dort überprüfte ich die Arbeit der Vertriebsmitarbeiter und präsentierte selbst Produkte bei Ärzten. Mein Einstieg ins Eventmanagement kam eher ungeplant: Nach dem Mauerfall 1989 organisierte ich für das Unternehmen eine wichtige Produkteinführung in Berlin. Der Erfolg führte dazu, dass ich fortan regelmäßig internationale Veranstaltungen betreute. Mit der Übernahme von Boehringer Mannheim 1998 durch Roche eröffneten sich zudem neue berufliche Perspektiven. Anschließend leitete ich 13 Jahre lang die Kongressabteilung von Sanofi. Nach der Übernahme von Aventis im Jahr 2005 stieg Sanofi zur zweitgrößten Pharmafirma der Welt auf. Zwischen 2006 und 2010 organisierte unser fünfköpfiges Team jährlich über 450 Veranstaltungen – eine anspruchsvolle Aufgabe.
Wie gings dann weiter?
Im September 2011 erhielt ich einen Anruf vom Barcelona Convention Bureau: Die damalige Direktorin ging in den Ruhestand, darum suchte man eine Nachfolge. Nach Gesprächen mit dem damaligen Direktor und dem Präsidenten, Joan Gaspart, rechnete ich als Außenseiter zunächst nicht mit einer echten Chance. Umso überraschender war das Angebot. Trotz weniger attraktiver Vertragskonditionen als bei Sanofi entschied ich mich für die neue Herausforderung. Die Position bot die Möglichkeit, einen tiefgreifenden Wandel mitzugestalten und ein völlig neues Arbeitsfeld kennenzulernen. Ich fühlte mich sehr geehrt. Der Wechsel bedeutete einen deutlichen Kulturschock. Deshalb nahm ich mir bewusst Zeit, die Organisation und ihr Umfeld zu verstehen. Das Convention Bureau beschäftigt 10 Mitarbeitende, insgesamt sind es etwa 200 Beschäftigte bei Turisme de Barcelona, die unter anderem touristische Informationsstellen und Busdienste in ganz Barcelona betreuen.
Wie organisiert man einen Kongress?
Über die Jahre haben wir ein starkes internationales Netzwerk aufgebaut und pflegen den Kontakt zu unseren Kunden langfristig. Wir begleiten Kongresse vor, während und nach der Veranstaltung. Nahezu alle großen Städte haben vergleichbare Convention Bureaus. Wir kennen uns untereinander sehr gut und unterstützen uns, wo es geht, obwohl wir immer auch in Konkurrenz stehen. Kongresse organisieren wir nicht selbst, sondern begleiten und unterstützen die Veranstalter. Ausschreibungen erfolgen oft mehrere Jahre im Voraus. Wir arbeiten kontinuierlich daran, neue Kongresse und Messen für Barcelona zu gewinnen.
Turisme Barcelona ist halb privat (die Handelskammer) und halb öffentlich (die Stadt), ein sehr erfolgreiches Modell seit Jahren. Dem Convention Bureau gehören mehr als 300 Mitgliedsunternehmen an, darunter Hotels, Kongresszentren und spezialisierte Dienstleister der Branche. Im internationalen Kongressranking zählt Barcelona seit 2001 durchgehend zu den fünf führenden Städten weltweit. Das Besondere daran ist, dass wir keine Hauptstadt sind.
In diesem Bereich gibt es viel Konkurrenz. Gibt es Erfolgsgeheimnis von Barcelona?
Der Erfolg Barcelonas basiert vor allem auf Qualität. Die Stadt bietet eine einzigartige und zugleich komfortable Infrastruktur: kurze Wege vom Flughafen zum Messegelände, eine schnelle Anbindung an die Innenstadt und ein erstklassiges Hotelangebot. Viele Kongressteilnehmer können morgens anreisen und am selben Abend wieder abreisen. Entscheidend ist aber auch die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten – von Messe, Hotels und Convention Bureau bis hin zur Stadtpolitik. Für Kongressveranstalter ist diese Verlässlichkeit ein großer Pluspunkt. Bei großen Kongressen arbeiten wir zudem eng mit Sicherheits- und Verkehrspartnern zusammen. Das bedeutet, dass wir uns bei wichtigen Kongressen vorab mit den Mossos d‘Escuadra, der TMB- Transports Metropolitans de Barcelona (Metro, Tram, Busse, Ferrocarriles, Rodalies), dem Flughafen, auch den Taxis etc. zusammensetzen, um den ganzen Kongress durchzugehen. Gemeinsam stimmen wir die Abläufe frühzeitig ab, damit alle Beteiligten optimal vorbereitet sind. Barcelona ist keine Ausnahmeerscheinung – aber die Stadt versteht es, ihre Stärken konsequent zu bündeln.
Die Einwohner Barcelonas sind zunehmend vom Massentourismus genervt. Gibt es einen Unterschied zum Kongresstourismus?
Seit Jahren wird in vielen Städten über die Folgen des Tourismus diskutiert. Barcelona gehört zu den beliebtesten Reisezielen Europas und ist besonders im Sommer stark frequentiert. Der Einheimische hat oft das Gefühl, dass ihm seine Stadt weggenommen wird. Gleichzeitig verschärft der Tourismus den Druck auf den Wohnungsmarkt. Der Bürgermeister hat deshalb beschlossen, touristisch genutzte Apartments ab 2028 zu verbieten – eine mutige und umstrittene Maßnahme, deren Auswirkungen sich erst noch zeigen werden.
Kongressteilnehmer unterscheiden sich jedoch deutlich von klassischen Urlaubern. Sie kommen gezielt für eine Veranstaltung und tragen nicht nur wirtschaftlich zur Stadt bei. Vor allem Technologiekongresse bringen Wissen, Innovation und internationale Kontakte nach Barcelona. Nicht zuletzt deshalb hat sich die Stadt zu einem der wichtigsten Start-up-Standorte Europas entwickelt. Ein bedeutendes Legacy (Vermächtnis) des Mobile World Congress ist die 4YFN, auf der sich vielversprechende Start-ups Investoren und Branchenvertretern aus aller Welt präsentieren.
Wie sieht das Verhältnis zwischen Massentourismus und Kongresstourismus aus?
Ich spreche lieber von Freizeittourismus (Leisure Tourismus) als von Massentourismus. Der Anteil liegt derzeit bei etwa 75 zu 25 Prozent. Die Stadt setzt darauf, den Kongresstourismus weiter auszubauen, während Freizeittourismus aktuell nicht mehr aktiv beworben wird. Großveranstaltungen wie der America’s Cup, die Tour de France oder der Weltkongress der Architekten tragen zu dieser Strategie bei.
Vor einem Jahr haben wir zudem das Barcelona Legacy Programm ins Leben gerufen. Die Idee: Kongresse sollen nicht nur wirtschaftliche Impulse setzen, sondern auch einen nachhaltigen Nutzen für die Stadt hinterlassen. Ein Beispiel ist der Weltparkinsonkongress, bei dem mehr als die Hälfte der Teilnehmer selbst von Parkinson betroffen ist. Diese Menschen verhalten sich in Stresssituationen anders, blockieren sich schneller. Gemeinsam mit dem Hospital Clínic, der Parkinson-Gesellschaft sowie Polizei, Hotels, Verkehrsbetrieben und dem Flughafen entwickelten wir Schulungen und Leitfäden für den Umgang mit Betroffenen. Das entstandene Wissen bleibt langfristig in Barcelona erhalten und wird inzwischen sogar bei der Ausbildung neuer Polizeikräfte genutzt. Es gibt allein in Katalonien über 300.000 Parkinson-Patienten. Ähnliche Legacy-Projekte wurden bereits mit mehreren internationalen Fachkongressen umgesetzt, darunter auch dem World Stroke Congress.
In Barcelona hat sich auch das medizinische Know how sehr entwickelt.
Barcelona hat sich in den vergangenen Jahren auch zu einem bedeutenden Zentrum für Medizin und Forschung entwickelt. Dazu beigetragen haben die zahlreichen medizinischen Fachkongresse, auf denen neue Studien und Behandlungsmethoden vorgestellt werden. Die Stadt verfügt über eine exzellente Klinik- und Forschungslandschaft. Durch die vielen Kongresse ist auch die Forschungsarbeit hier verstärkt worden.
Ein Beispiel ist der Europäische Kardiologenkongress, der rund 38.000 Teilnehmer anzieht. Hinzu kommen weitere wichtige Fachveranstaltungen, etwa im Bereich Hypertonie. Oft wird vor allem über den wirtschaftlichen Nutzen von Kongressen gesprochen. Es wäre gut, wenn man auch die benefits dieser Kongresse mehr kommunizieren würde. Also das Wissen, das sie in die Stadt bringen.
Gibt es ausreichend Räume für Events?
Ja. Besonders beliebt ist das beeindruckende Sant Pau Modernisme Ensemble für medizinische Kongresse, die heute oft großen Wert auf Ethik und einen sachlichen Rahmen legen. Für kleinere Veranstaltungen bieten sich ikonische Orte wie die Pedrera, die Casa Batlló, die Llotja am Hafen oder das MNAC an. Auch die Messeanlagen an der Plaça Espanya gehören zu den wichtigsten Veranstaltungsorten. Barcelona punktet im Kongressgeschäft vor allem mit seiner Infrastruktur und Professionalität. Hinzu kommen das kulturelle Angebot und die renommierte Gastronomie – Faktoren, die die Attraktivität einer Veranstaltung steigern und damit auch die Teilnehmerzahlen.
Planen Sie, einen Kongress zum Thema Tourismus und Umwelt zu organisieren?
Den gibt es bereits. Ein Beispiel dafür ist der jährlich stattfindende Smart City Congress, der sich gezielt mit diesen Zukunftsfragen beschäftigt und den Austausch mit anderen Städten fördert. Nachhaltigkeit spielt im Kongressgeschäft seit Jahren eine zentrale Rolle und ist heute fester Bestandteil vieler Ausschreibungen. In Barcelona fördern wir konsequent die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, statt zusätzliche Busflotten einzusetzen. Dank der gut ausgebauten Infrastruktur sind Messegelände, Hotels und Flughafen bequem miteinander verbunden. Umwelt, Nachhaltigkeit und RSC gehören zu unseren wichtigsten Themen.
Welche Messe liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?
Ein Kongress, der mir besonders am Herzen liegt, ist der UEG-Kongress (United European Gastroenterology) mit Sitz in Wien. Bereits auf meiner ersten Reise für das Convention Bureau lernte ich einen Kollegen aus Wien kennen. Gemeinsam entwickelten wir die Idee, den Kongress im Wechsel zwischen Wien und Barcelona auszurichten. So fand er 2014, 2016 und 2018 in Wien sowie 2015, 2017 und 2019 in Barcelona statt. 2017 und 2019 geriet Barcelona jedoch aufgrund der politischen Unruhen in Katalonien weltweit in die Schlagzeilen. Da bekamen die 20.000 Teilnehmer sehr viel von den Unruhen in der Stadt mit, woraufhin die Organisatoren beschlossen, vorerst nicht zurückzukehren.
2022 nutzte ich einen Termin in Wien, um den Kontakt zur Kongressdirektorin wieder aufzunehmen. Inzwischen hatte sie viel Positives über Barcelona als Kongressstandort gehört und zeigte sich offen für eine Rückkehr. Umso mehr freut es mich, dass der UEG-Kongress in diesem September wieder in Barcelona stattfinden wird.
Wo steht Deutschland im Wettbewerb um Kongresse?
Ich bin ganz happy, weil 2025 die Deutschen die Franzosen in Barcelona überholt haben, also die Teilnehmer aus Deutschland anzahlmäßig an 3. Stelle liegen. Frankfurt und München sind sehr wichtige Messe-Städte. Kongresse haben viele Aussteller und Konferenzen, Messen dagegen nur Aussteller. Kongressstädte sind hauptsächlich München und Berlin, also unsere größten Konkurrenten.
Sie sind oft auf Reisen – erzählen Sie uns eine Anekdote.
Ich könnte Bücher schreiben über das, was ich erlebt habe. Er lacht. Ich plante eine Reise mit einer Gruppe von Ärzten zum Welt Endokrinologen-Kongress in Kyoto. Der Flug ging über Helsinki nach Osaka. In Helsinki, in der Raucherecke, sagt mir ein Arzt, dass sein Pass abgelaufen war. „Wie bist du denn hergekommen?“ fragte ich. Ich warnte ihn, dass sie ihn nicht nach Japan einreisen lassen würden. Vorsichtshalber hatte ich schon ein Hotelzimmer und einen Termin beim Konsulat in Helsinki organisiert. Er wollte aber nicht hören. „Das klappt“ meinte er. Er stieg ins Flugzeug. Und natürlich war am Passschalter in Osaka Schluss. Sie haben ihn nicht reingelassen, er war dann über Nacht im Terminal geblieben und musste den nächsten Flug am kommenden Morgen wieder zurücknehmen. Das ging uns natürlich ans Herz.
Herr Tessmar, wir danken für das interessante Gespräch.
Infos
https://www.barcelonaconventionbureau.com/
Schlagwörter: Barcelona, Moderne Welt
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