Buchtipp für einen Ausflug nach Portbou
Caritat Oriol Serres widmet ihr kürzlich erschienenes Buch „Benjamin i Portbou zwei Leidenschaften“ der Liebe zu ihrem Geburtsort Portbou und dem mit die-sem Ort untrennbar verbundenen geistigen Erbe des dort auf der Flucht umgekommenen kulturkritischen Philosophen Walter Benjamin.
Anfang September erst hatte sie in der Biblioteca Walter Benjamin in Portbou ihren Essayband Portbou, un viatge cap a on? vorgestellt, der in sechzehn Kapiteln von berühmten und weniger berühmten Persönlichkeiten handelt, die, meist auf der Flucht, nach Portbou getrieben wurden, darunter Walter Benjamin und Antonio Machado. In ihrer zweiten Veröffentlichung vertieft die Autorin ihre Darstellung von Leben und Werk Walter Benjamins und der geschichtsgeprägten Land-schaft des Grenzorts in einem Doppelporträt, in dem sich beide Ansichten allmählich ineinanderschieben.
Ihre Lektüre der Schriften Walter Benjamins führt sie zum Menschen. Dabei gilt ihr Interesse dem weniger beachteten poetischen Charakter seines Denkens, der sich nicht nur in den frühen Sonetten und Baudelaire-Übertragungen manifestiert, sondern auch in den Prosaschriften und dem philosophischen Konzept des Denkbilds. So zitiert Caritat Oriol aus den zum Teil schon in der Schulzeit entstandenen Tagebüchern Benjamins Naturbeschreibungen, die eine außergewöhnliche Empfänglichkeit für die Landschaft und ihre Farben verraten. Auch in Benjamins Traumerzählungen wird sie fündig. Sie zeigt uns einen entdeckungsfreudigen, immer wieder Neuem zugewandten Denker, dem es gelingt, uns die Dinge auf andere Weise wahrnehmen zu lassen. Und die Autorin tut dies selbst auf eine poetische Weise, indem sie uns Benjamins Leben und Werk mit einer unaussprechlichen Leichtigkeit und Freiheit erzählt. Auch stellt sie Verbindungen zu anderen Lyrikern her, etwa der lang vergessenen Gertrud Kolmar (1894 – 1943), einer in Auschwitz ermordeten Kusine Walter Benjamins. Vom katalanischen Dichter Jordi Carrió (1949 – 2018) zitiert sie Verse aus dem Zyklus L’estació de Portbou. Zugleich erhalten wir genau recherchierte Informationen über die Geschichte des Orts und des Friedhofs von Portbou, die bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen.
Wo Walter Benjamin 1940 die einzige ihm noch überschreitb-re Grenze überschritt, wie Brecht in einem Gedicht formuliert, wurde knapp vier Jahre später Caritat Oriol geboren, die diese zeitliche Nähe zum Tod Walter Benjamins als Aufgabe versteht, den Ort zu rehabilitieren, indem sie Benjamins Auftrag, das Gedächtnis der Besiegten zu ehren, weiterträgt. Die Beschäftigung mit der Literatur und der Geschichte sind für Caritat Oriol immer vital wichtig gewesen. Zu einem Zeitpunkt, wo es in den dunklen Jahren der Franco-Diktatur für ein Mädchen aus einer Kleinstadt keinesfalls selbstverständlich war, das Gymnasium zu besuchen oder gar zu studieren, wurde sie Lehrerin für spani-sche Sprache und Literatur der Sekundarstufe und Mitherausgeberin verschiedener Wörter- und Handbücher. Die Verlagsarbeit war einer ihrer Schwerpunkte.
„Benjamins Tod in Portbou“ bildet das Scharnier ihrer Darstellung. Die Autorin versteht dieses Ende als Aufruf zu einem Neuanfang. Er kam, als Dani Karavan 1997 neben dem Friedhof die Gedenkstätte zu Ehren Walter Benjamins und aller Verfolgten schuf. Schritt für Schritt erklärt die Autorin die spirituelle Bedeutung der Stationen dieser Installation. Caritat Oriol ist eine der Initiatorinnen der literarischen und philosophischen Aktivitäten der Fundació Angelus Novus, die derzeit das ganze Jahr über stattfinden. Ihr Buch kulminiert im Traum von einem Kulturzentrum in Portbou, einer Casa Walter Benjamin, als Stätte zur Pflege der Menschenrechte und menschli-chen Werte, die von den totalitären Regimen mit Füßen getre-ten wurden und wieder bedroht sind.
Nach verschiedenen Anläufen scheint es tatsächlich im vergangenen September zu einer Vereinbarung zwischen der Stadt Portbou, der katalanischen Landesregierung und der Universität von Girona gekommen zu sein, den Umbau des alten Rathauses 2026 in Angriff zu nehmen. Es ist zu hoffen, dass die konstante inhaltliche Arbeit der in Portbou ansässigen Stiftung Angelus Novus, die für die Einwohner des Orts bereits eine kulturelle Institution geworden ist, in die Planung eingebunden wird, damit ein Zentrum entsteht, das nach innen und außen strahlt. Wie Caritat Oriol betont, genügt es nicht, die Wände eines Hauses zu errichten, die Räume müssen mit Gedanken gefüllt werden.
von Claudia Kalász, Oktober 2026
Infos
Caritat Oriol Serres: „Walter Benjamin i Portbou“.
Eine von DeepL angefertigte Übersetzung ins Spanische, Engli-sche, Französische und Deutsche gibt es per QR Code.
Viladamat (Alt Empordà): Gorbs, 2025. 262 Seiten, Format 20×20 cm, 22 €.
Caritat Oriol Serres: Portbou, un viatge cap a on?
Preàmbul de Vicenç Villatoro Lamolla.
Salt: Edicions Reremús, 2025. 91 Seiten, Format 19×13, 15 €.
Schlagwörter: Katalonien, Literatur
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