Buchtipp: Thomas Hettche: „Pfaueninsel“
Von Ulrike Müller; Bibliothekarin Goethe Institut Barcelona
Der Berliner Autor Thomas Hettche versetzt seine Leserinnen und Leser auf die „Pfaueninsel“ in der Havel bei Potsdam, die von verschiedenen preußischen Herrschern genutzt und umgestaltet wurde, wobei sie die Insel und ihre BewohnerInnen jeweils ihren Phantasien von Exotik und Schönheit unterwarfen.
Marie, das zwergwüchsige Schlossfräulein, erlebt die Wandlungen der Insel hautnah mit. Sie, die selbst einem Märchen entsprungen zu sein scheint, hat real existiert. Sie wurde zusammen mit ihrem Bruder zu Zeiten auf die Insel gebracht, als für den König noch Zwerge und Riesen zum Inventar gehörten. Später kommen Tiere und Pflanzen aus allen Kontinenten dazu, irgendwann wird die gesamte Insel vom Landschaftsgärtner Lenné nach englischem Vorbild umgestaltet und Marie wird mehr und mehr zum Relikt einer untergegangenen Zeit. Die neue künstliche Schönheit, der die Insel unterworfen wird, wirkt auf sie wie eine weitere Verletzung, sie fühlt sich wie ein exotisches Exemplar in der Sammlung – grotesk und inzwischen ohne jede „Verwendung“ oder gar Zukunft. Die Liebe ihres Lebens – ihr früherer Spielkamerad Gustav – wird zum Albtraum. Marie, die sich als „Ding“ betrachtet, seit die Königin sie einmal als Monster bezeichnet hat, fügt sich in fremdes Verlangen, zu dem auch das sexuelle Verlangen des Königs gehört, behält aber auch ihre Eigenständigkeit. Sie liest viel, liebt Berichte über „echte“ Südseeinseln und durchstreift die Insel. Findet echte Freundschaften. Am Ende ihres langen Lebens beschleunigt sie aktiv den Niedergang des falschen Paradieses. Das Schönste an diesem Roman ist das ausgeschmückte, prächtige Szenarium, das durch die farbige, etwas altertümliche Ausdrucksweise des Erzählers lebendig wird. So wird die Sprache selbst zum Träger des Schönen, Traumhaften, aus der Zeit Gefallenen.
Dieses Buch ist in der Bibliothek des Goethe-Instituts Barcelona erhältlich.
Roger de Flor, 224, E-08025 Barcelona
Tel. 93 292 6006
www.goethe.de/barcelona

Schlagwörter: Literatur
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