Die Bauhaus-Fotografinnen
Im Museum für Fotografie in Berlin
Von Gabriele Jahreiß, Juni 2026
Unter dem Titel ‚Neue Frau, Neues Sehen‘, zeigt das Museum für Fotografie zum ersten Mal 300 Werke von Fotografinnen des Bauhauses aus dem Bauhaus-Archiv.
Der Architekt Walter Gropius hatte das Bauhaus 1919 in Weimar als Hochschule für Architektur, Design und Kunst gegründet. Von 1925-1932 war das Bauhaus in Dessau und dann in Berlin, bis es 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Das Bauhaus fällt in die Zeit der Weimarer Republik, in die Zeit zwischen dem I. und II. Weltkrieg. Dies ist auch die Zeit, die als Aufbruch für Frauenrechte gesehen werden kann. Endlich dürfen Frauen wählen, einen Beruf ausüben und studieren. Die moderne Frau der 1920er Jahre hat kurze Haare, trägt Hosen, ist schlank und jung, unverheiratet und berufstätig. Dies ist ein erster Aufbruch, aber lange noch keine Gleichberechtigung. In Dessau gab es 1253 Studierende, davon waren 2/3 Männer und 1/3 Frauen. Es gab 119 Lehrende, davon waren aber nur 9 Frauen. In eine Führungsposition schafften es nur 2 Frauen, Gunta Stölzl die in der Weberei, einer von Frauen dominierten Fachrichtung tätig war und Marianne Brandt, die einen nicht unumstrittenen Lebenslauf hatte, aber besonders in der Metallwerkstatt und als Fotografin sehr erfolgreich war.
Die Ausstellung verdeutlicht, dass die Fotografie viel mehr als privater Zeitvertreib war, sondern den Frauen eine Nische bot, um sich auszudrücken. Ein beliebtes Motiv war das Selbstporträt oder Porträts von Freundinnen, um Technik zu lernen und das gewandelte Frauenbildnis zu zeigen. Ab 1929 gab es eine offizielle Fotografie-Klasse am Bauhaus, die auch von Frauen besucht wurde. Der Lehrer Walter Peterhans legte besonderen Wert auf eine präzise Bildgestaltung, die auch heute noch als Bauhausstil in der Fotografie bezeichnet wird. Die Fotografie wandelte sich in den 1920er Jahren. Eine Richtung war die künstlerische Fotografie. Hier sind die Collagen von Marianne Brandt zu erwähnen, die sich intensiv mit der Rolle der Frauen auseinandersetzen. Ihre Collagen sind eine Mischung aus dem Ideal, der Selbstbehauptung und der sozialen Realität der Frauen.
Die andere immer wichtiger werdende Richtung ist das Erstarken der Massenmedien. Fotoreportagen von fremden Ländern und Menschen erfreuten sich großer Beliebtheit und viele Fotografinnen arbeiteten in diesem Metier. Aber noch wichtiger wurde der Fotojournalismus, der unter anderem politische Themen, Alltägliches und Prominente darstellt. Viele dieser Fotografien wurden von Frauen gemacht, aber ihre Namen sind sehr oft nicht bekannt, da ihre Aufnahmen entweder anonym, unter Pseudonym oder einfach nur mit dem Namen der beauftragenden Agentur veröffentlicht wurde.
Der erste Eindruck, den die Ausstellung vermittelt, ist, dass man viele Fotografien schon gesehen hat und mit ihnen vertraut ist. Dies trifft insbesondere auf die Architekturaufnahmen des Bauhauses zu. Bekannt geworden sind viele dieser Bilder durch Walter Gropius, der schon 1930 sein Buch ‚Bauhausbauten in Dessau‘ mit zahlreichen Architekturbildern illustrierte. 1938, als er schon in New York lebte, wurden Architekturbilder vom Bauhaus wieder für eine Ausstellung in der MoMA gedruckt. Dass diese Aufnahmen nicht von Gropius, sondern von Lucia Moholy stammten, war nicht bekannt. Lucia Moholy hatte sich schon früh intensiv mit der Fotografie beschäftigt und eine große Meisterschaft erlangt. Auch als sie mit ihrem Mann, dem Bauhausmeister Lazlo Moholy-Nagy in ein Meisterhaus in Dessau zog, hat sie weitergearbeitet. Die Ehe hatte keinen Bestand mehr, als Lazlo eine große Publikation mit der Unterstützung seiner Frau veröffentlichte, ohne diese zu erwähnen. Als sie 1933 Deutschland auf der Flucht vor den Nazis verlassen musste, konnte sie ihr künstlerisches Schaffen von 560 Negativen auf Glasplatten nicht mitnehmen. An ihrer Stelle nahm Gropius die Negative von Lucia Moholy nach Amerika mit. Erst 1954 gab er nach langem juristischem Streit zu, dass die Negative in seinem Besitz sind, er aber nicht gedenke, sie an die rechtmäßige Eigentümerin zurückzugeben. Es vergingen nochmals 3 Jahre, bis er endlich 1957 gezwungen war, zumindest 230 Negative an Lucia Moholy zurückzugeben.
Dieses Beispiel, steht für eine Vielzahl von Vorgängen, bei den die Fotografinnen am Bauhaus von ihren männlichen Kollegen, Auftraggebern, Freunden und Ehemännern bewusst an den Rand gedrängt und ihre Arbeiten veröffentlicht wurden, ohne ihnen die Anerkennung sowie ein gerechtes Entgelt dafür zukommen zu lassen.
Dies ist eine spannende Ausstellung, mit herausragenden Werken und wichtigen Zuordnungen. Es gibt aber noch viel zu forschen, um einen großen Teil der Fotografinnen aus der Anonymität zu holen und ihnen ihren gebührenden Platz in der Kunst und Geschichte zuzugestehen.
Info
https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/neue-frau-neues-sehen/
Museum für Fotografie
17.04. bis 04.10.2026
Schlagwörter: Museen und Sehenswürdigkeiten
Share On Facebook
Tweet It





























