LAMEBA 2.0: Marisa Siguan

Am Hafen von Barcelona Foto Werner Lorcke
Marisa Siguan: Der Hafen meiner Kindheit
Es ist mir bei einer Stadt, in der ich lebe, immer wichtig gewesen, dass man leicht weg- und leicht wieder zurückkommen kann. Das kann man in Barcelona wunderbar: per Auto, Zug, Schiff oder Flugzeug kann man einfach wegfahren, um wieder zurückzukehren. Denn wegfahren ist nur schön, wenn man zurückkehren kann, und nach Barcelona komme ich sehr gern zurück, hier ist mein Leben. Mit acht Jahren kam ich her, von Madrid aus, und das Meer war das, was mich gleich zu Anfang an am meisten fasziniert hat. Das Meer und die Schiffe. Von der Torre San Sebastián aus fuhren die Gondeln über den Hafen, hoch über den Schiffen schwebend, bis zum Montjuïc und wieder zurück. Nach einer Zeit der Renovierung schweben sie schon seit Jahren wieder zur Freude von Kindern und Erwachsenen, und die Aussicht ist genauso schön, aber sehr verändert: Barcelona ist viel größer, viel bunter, streckt sich viel weiter aus. Damals war es kleiner und sehr viel grauer. Am Hafen lagen aber die faszinierenden Schiffe, die einen weit wegführten. Im Sommer brachten sie uns nach Ibiza, wo wir die Sommerferien verbrachten. Die im Verhältnis zu den heutigen Fähren sehr kleinen Schiffe der Transmediterránea luden alles nur Mögliche und Erdenkliche auf. Den wenigen Autos, die hinüberfuhren, wurde ein Netz unter die Räder geschoben, damit sie mit Hilfe eines Krans auf das Deck geladen werden konnten; hoch baumelten sie in der Luft und wurden sorgfältig heruntergelassen. Dazu kamen Kisten und Säcke; hoch beladene Gepäckträger trugen riesige Koffer, die eher Truhen waren, in Eile über die Gangway. Man musste aufpassen, um ihnen auszuweichen. Auf dem Kai standen die Bekannten, die zum Abschiednehmen gekommen waren, und zwischen den Passagieren und den an Land gebliebenen Freunden wurden Rollen bunten Klopapiers geworfen. Vom Schiff aus musste man geschickt werfen, damit vom Kai aus die Rolle gefasst wurde, während man auf dem Schiff das Ende in der Hand behielt. Sobald das Schiff sich langsam vom Kai entfernte, rollte das Papier aus. Zuletzt, als die Rolle zu Ende war und die Personen noch gut zu sehen waren, wurde noch wild gewunken. Das Schiff fuhr dann mit bunten Bändern behängt aus. Ja, das Meer. Am Meer passierte so Vieles, es ist immer so vielverheißend gewesen. Auch eine Hafenrundfahrt auf einer der „Golondrinas“, die kleinen Boote auf denen man, so warnten die Eltern, aufpassen musste, um nicht ins Meer zu fallen, war aufregend, an den vielen Schiffen vorbei, die so groß schienen und von heute aus gesehen so klein waren. Und außerdem gab es ja noch das Kolumbus Schiff, die Replik der Santa María, die am Hafen vor Anker lag und die man besichtigen konnte! Abenteuerlust, Bewunderung und auch ein bisschen Gruseln wurden darin geweckt. Ja, Barcelona und das Meer! Und die Schiffe!
Wie Salvat Papasseït, der wunderbare avantgardistische Dichter aus Barcelona, schreibt:
Damunt mon vaixell
L’arc de San Martí
Com un gran cinyell.
Totes les sirenes
Engronxant-se en ell.
LAMEBA 2.0: Es geht weiter
2024 erschien der von Ronald Grätz in der Edition Esefeld&Traub herausgegebene Band LAMEBA, ein Stadtlesebuch mit Beiträgen von fast 70 Autorinnen und Autoren, die Aspekte „ihres“ Barcelonas beschreiben. In Zusammenarbeit zwischen dem TaschenSpiegel, dem Herausgeber und dem Verlag wird das erfolgreiche Projekt im Internet (https://www.edition-et.de/LAMEBA22@0!/) fortgesetzt und in jeder Ausgabe des TaschenSpiegels erscheint ein neuer Artikel zu LAMEBA 2.0 auch gedruckt. Weiterhin sind alle neuen Artikel über die Website des Verlags abzurufen.
Schlagwörter: LA MEBA
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