s’Agaró – Kataloniens Hollywood

s’Agaró an der Costa Brava ist ein steingewordener Traum, Foto Kati Niermann
Man stelle sich eine trockene, felsige, zerklüftete Küstenlandschaft vor. Wenige Kiefern und Pinien ertrotzen sich ihr Dasein. Ein paar Hütten zeugen von menschlicher Existenz. Wo andere nur Ziegen, Schafe, Felder, vielleicht Wein und ein paar Fischer sehen, hatte Josep Ensesa i Gubert einen Traum von luxuriösem Leben, von Sommerfrische für die gehobene Schicht, von Kunst und Kultur im Übermaß.
s’Agaró ist ein steingewordener Traum. Vom Namen über die Architektur bis zu Veranstaltungen und Werbung ist dieser Ort eine Erfindung, die aus dem Nichts erschaffen wurde.
Die Geschichte des Ortes begann 1916 als Ensesas Vater ein Grundstück an der Costa Brava zwischen Sant Feliu de Guixols und Platja d’Aro erwarb. Er wollte ein Sommerhaus erbauen und engagierte den Architekten Rafael Masó. Wegen der Unebenheiten, die zu Problemen mit dem Nachbargrundstück führten, kaufte Ensesa Sr. dieses kurzerhand mit. Und weil er nicht alles Land benötigte, entstand die Idee, das Land neu aufzuteilen und weiterzuverkaufen, an Nachbarn mit ähnlichen Interessen.

Josep Ensesa der Jüngere griff die Idee eines Sommerhauses wieder auf, Foto: Niermann
Mit den Wirren des Ersten Weltkrieges wurde das Vorhaben vorerst aufgegeben, doch Josep Ensesa der Jüngere griff die Idee eines Sommerhauses wieder auf und ließ sich von Masó im Jahre 1924 eine erste Villa bauen. Wegen ihrer weithin leuchtenden Sichtbarkeit vom Meer aus wurde sie Senya blanca – Weißes Signal genannt. Einmal abgeschlossen, war auch der Traum von einer Sommersiedlung wieder erwacht.
In einer Zeit, in der sich die heilende Wirkung von Meerwasser und frischer Brise herumsprach, wollte Ensesa nicht nur ein Seebad errichten, sondern auch dem Freizeit- und Erholungscharakter Rechnung tragen. Der wenige 100 Meter entfernte Strand „Sant Pol“ in einer geschützten Bucht fing an, sich größerer Beliebtheit zu erfreuen und so nutzte Ensesa die zarten Triebe des Strandtourismus, um einen Ort zu schaffen, wo das wohlhabende Bürgertum sich entspannen und vergnügen sollte. Dem Architekten Masó wurde freie Hand gelassen und so schuf er eine Villa nach der anderen, auch eine für sich selbst.
Die Gebäude wurden im Stil des Noucentisme, der auf den Modernisme folgenden katalanischen Kulturbewegung, errichtet. Statt auf organische Formen setzte diese Stilrichtung auf klassische und funktionale Ästhetik vor dem Hintergrund einer katalanischen Identität. So wurden Elemente von Bauernhäusern übernommen, um den filigranen und luftigen Gebäuden einen geerdeten Anstrich zu verleihen. Keramik und Terrakotta wurden verwendet, weiße Mauern an den Ecken mit massiven Steinen abgesetzt, Klarheit und Harmonie statt der üppigen Dekadenz des Modernisme.
Doch nicht nur in den Wohnhäusern verwirklichte sich der Architekt, auch öffentliche Plätze, Sportanlagen, Alleen und Treppen, die die verschiedenen Baulinien mit dem Küstenstreifen verbanden, entstammten seiner Hand und wurden geschickt in die Privatbauvorhaben integriert. Heimische Pflanzen wurden für großzügige private Parkanlagen genutzt. Die natürlichen geologischen Gegebenheiten wurden nicht planiert, sondern geschickt eingearbeitet und lassen den Betrachter staunen. Kein Haus gleicht dem anderen und doch harmonisiert der gleiche Stil die gesamte Ansiedlung.
Die Badeanlagen wurden mit bunten Umkleidehäuschen versehen. Ein Restaurant prangt mitten am Strand und erzählt von guter fischbasierter Küche, die nicht günstig ist. Wer hier einkehrt, bezahlt nicht nur das exquisite Essen, sondern den Ausblick und das gehobene Flair gleich mit.
Die Ansiedlung sollte auch einen neuen Namen erhalten. Nach einem ausgetrockneten Bachlauf soll s’Agaró benannt worden sein mit s‘ statt el, weil dem Katalanischen vor dem Spanischen Rechnung getragen werden sollte. Als „bizarre Idee unkontrollierbarer Enthusiasten“ ist die Namensgebung betitelt worden, die jeglichem Zusammenhang mit dem Katalanischen entbehrt, doch sie hat sich durchgesetzt. Und nicht nur der Name, sondern auch der Ort selbst trat seinen Siegeszug an. Mit dem Luxushotel „La Gavina“, das 1932 eröffnet wurde, hatten Reich und Schön in den 50er und 60er Jahren eine Anlaufstelle am Sehnsuchtsort Costa Brava, wo jeder Blick aus dem Fenster, über Mauern, durch Gärten wie ein impressionistisches Gemälde wirkte. Filmschauspieler und Regisseure gaben und geben sich hier die Klinke in die Hand. Angefangen bei Ava Gardner und Liz Taylor, Orson Welles und Lex Barker über Amenabar und Bardem bis zu Sean Connery und Liam Neeson wirkten natürliche Filmkulissen und die Aussicht auf einen Luxusaufenthalt wie Magneten. In alten Schinken wie „Die geheimnisvolle Insel“, „Sindbad“, „Die Schatzinsel“ genauso wie in neueren Produktionen wie „Mar adentro“, „Marlowe“ oder der zweiten Staffel von „The Night Manager“ kann man die Küste oder das Hotel in verschiedenen Szenen bewundern.
Doch nicht nur Filmgrößen hat es nach s’Agaró verschlagen. Montserrat Caballé hat hier gesungen. Der Schriftsteller Josep Pla und der Maler Salvador Dalí waren oft und gern hier, genauso wie Politiker und Prominenz, Sportler und Musiker. Denn neben der natürlichen und architektonischen Schönheit gab es hier ein reichhaltiges Kulturprogramm mit Konzerten, Bällen, Lesungen, Theater sowie sportliche Wettkämpfe, wie Segelregatten, Reitturniere oder Tennismatches.
Und wenn man heute auf dem breit ausgebauten Teilstück des Camino de Ronda flaniert, zu den imposanten Villen aufblickt oder am Strand einkehrt, dann kann man es sehen, fühlen und atmen, das Hollywood von Katalonien.
Von Kati Niermann, Februar 2026
Schlagwörter: Ausflüge
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