Zum 90. Geburtstag von Arvo Pärt

Der estnische Komponist Arvo Pärt, Foto: Woesinger
Arvo Pärt, 1935 in Estland (Paide) geboren, wurde am 11. September 90 Jahre alt. Er ist der meistgespielte und einer der außergewöhnlichsten Komponisten unserer Zeit.
Im Alter von sieben Jahren begann Arvo Pärts musikalische Ausbildung, mit vierzehn schrieb er erste eigene Kompositionen. Das Musikstudium begann er mit 19 Jahren, arbeitete anschlie-ßend als Tonmeister beim Estnischen Hörfunk und studierte in Tallinn von 1958 bis 1963 Komposition. Im Jahr 1980 verließ Pärt mit seiner Familie wegen zunehmender politischer Repressi-on in der Sowjetunion Estland. Anlass war wohl die Komposition ‚Credo‘ (1968). Dieses Werk galt der Zensur als nicht systemkon-form, weil der Chor darin den Satz „Ich glaube an Gott“ mehrfach wiederholt. Die Aufführung wurde in Estland untersagt – fand aber dennoch statt. Pärt emigrierte mit seiner Familie zunächst nach Wien, dann nach Berlin. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Estlands kehrte er 2008 nach über 25 Jahren in Deutschland nach Estland zurück.
Das Besondere an Arvo Pärts Musik: sie ist durch und durch aufrichtig und ehrlich. So rein und unverdorben, wie die von Mozart oder Bach. (…) Es ist die innere Sehnsucht nach Klarheit, nach Reinheit, die hier ihren Ausdruck findet. Ich sage immer: diese Musik ist wie der blaue Himmel, der die Sterne zum Leuch-ten bringt – so der aus Estland stammende amerikanische Diri-gent und Pianist Kristjan Järvi, einer der wichtigsten Interpreten Arvo Pärts.
Pärt selbst verglich seine Musik mit einem weißen Licht, in dem alle Farben enthalten seien. Der “Geist” des Zuhörers trenne wie mit einem Prisma diese Farben voneinander und mache sie einzeln sichtbar. Sein Musikverleger und Produzent Manfred Eicher (ECM) veröffentlichte 1984 die epochale Platte Tabula Rasa, die die ECM New Series begründete und das nachhaltige weltweite Interesse an Pärt schuf. Sie war wohl der Ursprung des ECM-Claims The most beautiful sound next to silence. Harmo-nisch, kontemplativ, angesiedelt zwischen gregorianischem Choral und zeitgenössischer Minimal Music eines Steve Reich oder Philip Glass – die Vielzahl von Beschreibungsversuchen dieses Klangs zeugen von seiner Magie und kontemplativen Wirkung. Struktur- und klangbildend ist ein Dreiklang wie der eines Büßerglöckchens (Tintinnabuli) in der Kirche – deshalb der Name. Arvo Pärt: Tintinnabulation ist ein Ort, den ich manchmal betrete, wenn ich nach Antworten suche – in meinem Leben, meiner Musik, meiner Arbeit. In meinen dunklen Stunden bin ich der Überzeugung, dass alles da draußen keine Bedeutung hat. Das Komplexe und Vielseitige verwirrt mich nur, und ich suche nach Einheit. Was ist es, dieses eine, und wie finde ich den Weg dorthin? Die Spuren des Vollkommenen erscheinen in vielerlei Weisen – und alles Unwichtige fällt einfach ab. So ist Tintinnabu-lation…. Die drei Noten eines Dreiklangs sind wie Glocken. Das ist der Grund, warum ich von Tintinnabulation spreche.
Die Erkenntnis, dass Musik als grenzenlose Weltsprache geeignet ist, Geist, Körper und Seele des Menschen zu erreichen, ist so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst, so der Deutsche Musikrat. Musik kann dem Denken, Empfinden und Fühlen Ausdruck verleihen und Hörende über Kulturgrenzen und Sprachbarrieren hinweg unmittelbar in ihrem ganzen Sein und Wesen berühren. Sie kann Brückenbauer sein auch in Konfliktsituationen. Wenn der Dialog oder die Diplomatie an ihre Grenzen stoßen oder versagen, kann oft immer noch gemeinsam musiziert werden (West-Eastern Divan Orchestra). Das wäre heutzutage sehr zu hoffen und dringend geboten. Arvo Pärt hat diesen Weg des Friedens hörbar gemacht.
Von Ronald Grätz, April 2026
Musiktipp
Tabula Rasa
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Schlagwörter: Musik
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