Punk ist aktueller denn je

Plakat von Guerillas Girls, Ausstellung Punk im Macba 2016, Foto laiadina
Don’t want to be an American idiot
In diesem Jahr feiert der gute alte Punk-Rock seinen 50. Geburtstag. Ganz schön viele Kerzen auf der Tor-te und wir sehen mit Erstaunen die Frage beantwortet, was die No Future-Generation macht, wenn sie erwachsen wird. Ja, was soll sie machen, weiter!
Die Ursprünge
Punk entstand als Stilrichtung der Rockmusik an den englischsprachigen Brennpunkten der Welt, New York und London. Eine tief empfundene Grundaussage schaffte sich musikalisch Raum: „DAGEGEN!“. Nicht mehr, nicht weniger stand am Anfang der Bewegung. Bürgerliche Werte? Dagegen! Disco-Glitzer-Kultur? Dagegen! Flower-Power, Hippies, verspieltes Anti-Establishment? Dagegen!
Dieser Haltung kann man am besten Ausdruck verleihen, in-dem man zu den Wurzeln zurückkehrt, dem guten alten Rock. Einfache Kompositionen, drei Akkorde statt komplizierter Gitarrenriffs, rohe, raue Stimmen statt schönem Klang, schnelles Tempo, aggressive Beats und vor allen Dingen Lautstärke, um sich Luft zu machen, sich abzureagieren. Refrains zum
zum Mitgrölen sind immer hilfreich, wie ein „Hey! Ho! Let’s go!“ von den Ramones oder ein „Talking ‘bout my generation“ von The Who. Der Punk-Rock knüpft an den frühen Rock ‘n Roll der 50er Jahre und an den Garagenrock der 60er an. Eine Abkehr vom Glammy-Elvis, von den soften Beatles und den kommerziellen Rolling Stones.
Die Bezeichnung Punk geht auf einen abfälligen Begriff zurück, der im 16. Jahrhundert wohl für Prostituierte, 200 Jahre später für Kleinkriminelle und zwischendrin auch für verrottendes Holz verwendet wurde. 1970 hat Ed Sanders in einem Interview über die Musik seiner Band The Fugs erstmalig behauptet, sie spielten Punk Rock. Der Mann ist heute 86 und lebt in Woodstock.
Wie eine Religion hatte die Punkmusik einen „Godfather“ in dem Musikmanager Danny Fields, der die Wegbereiter des Punk MC 5 und The Stooges mit dem Frontsänger Iggy Pop unter Vertrag nahm, aber auch die Ramones entdeckte.
Passend zur Religion gab es auch einen Pilgerort in New York, den CBGB, einen Club, der sich zu einer richtigen Punkschmiede entwickelte.
Gleichzeitig sorgten die Sex Pistols mit einem Skandalinterview im englischen Fernsehen für den Durchbruch des Punk in England. Mit „Anarchy in the UK“ fassten sie ihr Anliegen ziemlich gut zusammen, „Ich bin ein Antichrist, ich bin ein Anarchist, ich weiß nicht, was ich will, aber ich weiß, wie ich es kriege. Ich will zerstören…“ Die neu gegründete Band The Clash sorgte dafür, dass ganz Europa nach London blickte, es war „London calling“ und die Jünger folgten dem Ruf. The Clash ließ sich den Plattenvertrag richtig gut bezahlen und machte damit zugleich den Graben auf, an dem sich der Punk schon immer geteilt hat. Wie kommerziell darf Haltung eigentlich sein?
Die Mode
Die gesellschaftliche Aussage, das Nicht-Dazugehören machte sich auch in der Kleidung bemerkbar. Am Anfang und hauptsächlich in den USA waren es noch praktische Kurzhaarfrisuren, T-Shirt, Jeans und Lederjacken, alles ein bisschen abgerissen, gern second hand, um auf keinen Fall aufgestylt zu wirken. In Großbritannien verdiente sich Vivienne Westwood ihre Sporen als Designerin, indem sie Punks mit eigenen Designs ausstattete. Hautenge Lederhosen kombinierte sie zu dicken Boots, Nylonstrümpfe zu Leoprints, Karos, Karos, Karos und Statement-T-Shirts mit Kritik am Königshaus und englischer Nationalflagge. Alles sah gewollt so aus, als hätte man eben noch in den Klamotten geschlafen. Etwas später kam der gestylte Irokesenhaarschnitt dazu in allen Längen und allen Farben, Hauptsache nicht natürlich. Einige Stilelemente halten sich bis heute, Doc Martens, zerrissene Jeans, Bandanahalstücher und Flanellhemden in der Kleidung, Undercuts bei den Frisuren, Tattoos und Piercings am Körper.
Und was wurde aus den Helden der Musik?
Iggy Pop hat 2024 in Spanien die goldene Schallplatte für die Single „The Passenger“ erhalten. Er ist mittlerweile 78 und will in diesem Jahr wieder auf Tour gehen.
The Clash hat sich 1985 aufgelöst, aber 1991 nochmal richtig abgesahnt, als der Song „Should I stay or should I go“ zu Werbezwecken für Levis Jeans eingesetzt wurde. 2003 wurden sie nach dem Tod von Sänger und Gitarrist Joe Strummer in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
Die Gründungsmitglieder der Ramones sind mittlerweile alle seit mehr als zehn Jahren tot. Ihre T-Shirts haben überlebt. Sie gelten auf jedem Rockkonzert als angesagtes Outfit. Die Band hat wahrscheinlich im Laufe ihrer Karriere mehr T-Shirts als Schallplatten verkauft. Und wer ein solches T-Shirt trägt und keinen Song von den Ramones benennen kann, der merke sich ab sofort „Blitzkrieg Bop“, das ist der mit dem Hey! Ho! Let’s go!, der Song, der trotz seines gewollt provokanten Titels eigentlich nur die Fans beschreibt, die ein Rockkonzert besuchen.
Die Sexpistols haben sich schon 1978 wieder getrennt, dann aber das eine oder andere Revival gefeiert, zuletzt 2008 mit einer Welttournee. 2021 haben sie sich über eine geplante Serie über die Band so zerstritten, dass es vor Gericht ging. Die Serie wurde trotz Gegenwehr 2024 erstmals ausgestrahlt.
Mit Bands wie Green Day oder The Offspring hatte der Punk auch schon in den 90er Jahren ein Revival. Beide Bands touren regelmäßig. Mit Songs wie „American Idiot“ (Green Day) und „The Kids aren’t alright” (The Offspring) knüpfen sie an die ursprüngliche Idee des Punk an, politische Statements zu setzen und gesellschaftliche Missstände anzuprangern. Und was bei Green Day als Kritik an Präsident George W. Bush und dem Einfluss der Medien gedacht war, ist über 20 Jahre später topaktuell.
Und gibt’s da nicht auch irgendwas auf Deutsch?
Doch natürlich, und zwar so viele Bands, dass Wikipedia mit einer eigenen Liste von Deutschpunkbands aufwartet. Am bekanntesten sind sicher die Toten Hosen und Die Ärzte, die den Fun Punk mitentwickelten, eine Stilrichtung, die sich selbst nicht so verbissen ernst nimmt. Und jeder, der auf den Essenswunsch der Kinder „Ein belegtes Brot mit Schinken“ sofort grölt „Ein belegtes Brot mit Ei!“ ist genau in dieser Fun-Punk-Ära aufgewachsen, in der Kinder nicht Claudia und auf gar keinen Fall Elke heißen durften.
Im Osten hatten wir Nina Hagen am Start und nicht zu vergessen Rio Reiser, den König von Deutschland und seine Band Ton Steine Scherben, die mit Recht zu den Wegbereitern des Punk zählt.
Auch in Deutschland hatte der Punk in den 90er Jahren ein Revival. Bands wie die Broilers oder Donots sind auf dieser Welle geschwommen. Doch noch besser ist dem Punk die Zeit nach der Jahrtausendwende bekommen. Madsen sind hier wohl die bekanntesten. Die Band hat sich für Fridays for Future engagiert und sogar eine Weihnachtsplatte rausgebracht. In der neueren Generation haben wir im Norden Jennifer Rostock, die mit ihrer Band leider bis auf weiteres pausiert, und Feine Sahne Fischfilet. Beide Bands machen Polit-Punk. Jennifer Rostock setzt gerne mal feministische Akzente. FSF hat 2016 die Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch. Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“ gestartet. Hierfür gab es sogar ein Lob vom Bundesjustizminister.
Punk hat sich mit den Jahren verändert, aber er ist immer noch da und er hat viele Gesichter, Afropunk, Riot Grrrl-Bewegung, Grunge, New Wave, Dark Wave und NDW hätte es ohne Punk nicht gegeben. Und auch wenn wir manchmal den Eindruck haben, wir brauchen keinen Punk mehr, gilt immer noch, solange es etwas gibt, über das man sich aufregen kann:
„Punk is not dead“. Herzlichen Glückwunsch zum halben Jahrhundert!
Von Kati Niermann, April 2026
Schlagwörter: Geschichte, Moderne Welt
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