Zum Gedenken an Jürgen Habermas (1929-2026)

Jürgen Habermas, Foto: Készítette Wolfram Huke
Der große Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist am 14. März gestorben. Gerade in diesen Zeiten werden seine scharfsichtigen Analysen und sein Bemühen um die Demokratie und Rechtstaatlichkeit fehlen.
Eigentlich wollte Jürgen Habermas Journalist werden, fand aber als junger Mittzwanziger keine Festanstellung. So steht es in einem der zahlreichen Nachrufe, die den im Alter von 96 Jahren verstorbenen großen Intellektuellen würdigen. Stattdessen wurde er Professor für Philosophie und Soziologie. Bereits als Student und bis kurz vor seinem Tod schrieb Habermas jedoch viel beachtete Artikel für die Feuilletons großer Zeitungen wie „Die Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.
Habermas stammte aus einem intellektuellen Elternhaus. Er wuchs in Gummersbach auf, studierte in Göttingen, Zürich und Bonn. Dabei befasste er sich mit Philosophie, Geschichte, deutscher Literatur, Psychologie und Ökonomie. Er promovierte 1954 in Bonn. 1956 kam er mit einem Stipendium an das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main, wo er als Forschungsassistent für Theodor W. Adorno und Max Horkheimer tätig war. Für seine Habilitation, die 1961 erfolgte, wechselte er nach Marburg. Noch vor seiner Habilitation wurde er 1961 für eine außerordentliche Professur nach Heidelberg berufen. 1964 löste Habermas Max Horkheimer auf dessen Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main ab. Er wechsel-te 1971 nach Starnberg, wo er das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete, und kehrte schließlich von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1994 nach Frankfurt zurück.
Das Werk und das Wirken von Habermas stieß weltweit auf große Resonanz und war hoch angesehen. Auch in Spanien wurde Habermas rezipiert und geschätzt. 2003 überreichte ihm der heutige König von Spanien, Felipe II, die Auszeichnung Premios Princesa de Asturias für seine Verdienste um die Sozi-alwissenschaften. Allein die Zeitung „El País“ widmete Habermas nach seinem Tod insgesamt sieben Artikel, eine Fotostrecke und eine Zeichnung.
Jürgen Habermas wurde mit einer Gaumenspalte geboren, die zwar noch als Säugling operiert wurde, Zeit seines Lebens blieb aber eine nasale Färbung seiner Aussprache. Vielleicht auch deshalb beschäftigte er sich viel mit der Erforschung der Kommunikation. Als eines seiner wichtigsten Werke gilt die „Theorie des kommunikativen Handelns“, das 1981 erschien. Darin formuliert Habermas die „ideale Sprechsituation“ als uneingeschränkte, herrschaftsfreie Kommunikation. Sie gründe sich auf die vier Säulen Verständlichkeit, Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit und sei die vorausgesetzte Basis jeder Verständigung. Dazu gehören die folgenden Faktoren:
- Die verwendeten Sätze sind verständlich.
- Die mitgeteilten Aussagen sind wahr.
- Die zum Ausdruck gebrachten Intentionen sind wahrhaftig.
- Die gewählten Äußerungen sind richtig.
In einer solch idealen Sprechsituation kann der wahre Konsens argumentativ erreicht werden. Dabei herrsche der „zwanglose Zwang des besseren Argumentes“. Mit anderen Worten: So gelingen konstruktive verbale Auseinandersetzungen, an deren Ende ein Konsens steht, von dem alle beteiligten Parteien über-zeugt sind.
Angesichts von Fake-News, von KI-generierten Videos und Bildern, die versehentlich oder willentlich in der Berichterstat-tung von (seriösen) Nachrichten auftauchen, im Angesicht von Populismus und neu entstehendem Faschismus, der nur eigene Wahrheiten und Meinungen anerkennt und alles andere verbie-tet, angesichts von Regellosigkeit und der Macht von Superrei-chen, die die Geschicke der Welt lenken – angesichts der aktuel-len Situation in der Welt ist klar, warum wir Jürgen Habermas und die Wirkkraft seiner Worte sehr schmerzlich vermissen werden.
Von Verena Striebinger, April 2026
Schlagwörter: Literatur, Moderne Welt
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