LAMEBA 2.0: Lieber Sohn!

Im dreieckigen Forumsgebäude liegt heute das Museu de Ciències naturals de Barcelona, Foto Werner Lorke
Du bist am 25. September 2004 geboren worden, das Jahr, in dem Barcelona eine vollkommen neuartige Veranstaltung durchführte, die das Stadtbild geprägt hat: das internationale Forum der Kulturen. Du warst geduldig genug, erst am Ende dieses Ereignisses auf die Welt zu kommen. Daher konnte ich mir im Fernseher meines Krankenhauszimmers das Feuerwerk und die Abschlussfeierlichkeiten ansehen und auf deine Geburt warten, die allmählich in Gang kommen sollte (was nie geschah und Dir ermöglichte, bequem per Kaiserschnitt das Licht der Welt zu erblicken).
Ich kann mich glücklich und geehrt schätzen, als Konferenz-dolmetscherin ein Rädchen im Gefüge dieser Veranstaltung gewesen zu sein, da ich bei den 47 Kongressen und Konferen-zen dieses fünf Monate (141 Tage) dauernden Forums einen Beitrag zur Kommunikation zwischen den Teilnehmenden leisten durfte. Es wurde Simultanverdolmetschung in den Tagungssprachen Katalanisch, Spanisch, Englisch und Französisch angeboten, doch bei einigen Sitzungen konnte man sogar noch andere, weitaus exotischere Sprachen hören.
Ich habe wunderbare Erinnerungen an diese Zeit, die ich in einem mir bis dahin völlig unbekannten Teil der Stadt erlebt habe. Wahrscheinlich bin ich nicht die einzige Einwohnerin, der es so erging. Nach den sportlichen und städtebaulichen Erfolgen der Olympischen Spiele von Barcelona im Jahr 1992 war man auf der Suche nach einem neuen Projekt, um den nördlich gelegenen Abschnitt der Küste endgültig umzugestalten, der bisher sich selbst überlassen gewesen war. Dieses zwischen den beiden Gemeinden Barcelona und Sant Adrià del Besòs gelegene Gebiet an der Mündung des Flusses Besòs sollte einen neuen Anstrich erhalten. Dafür hatte man einen ehrgeizigen Plan entworfen. Der Bereich, dem die Industriebetriebe einst den Rücken gekehrt hatten, sollte umgestaltet und die verlassene Fläche einer neuen Bestimmung zugeführt werden. Gleichzeitig wollte man die Verbindung zwischen dem Boulevard Avinguda Diagonal und der Stadt wiederherstellen und die Öffnung Barcelonas zum Meer hin vollenden.
Man beschloss, die dort bestehende Infrastruktur zu belassen und zu sanieren, da eine Verlagerung unmöglich gewesen wäre, und führte technische Verbesserungen durch, um die Umweltbelastung zu verringern. Genau über der vorhandenen Kläranlage wurde ein riesiger, 16 Hektar großer Betonplatz errichtet. Dem Meer konnte Land abgerungen und gleichzeitig ein Küstenstreifen mit drei „Halbinseln” neu geschaffen werden. Dort legte man den Yachthafen an (eine von der Stadt-verwaltung Sant Adrià del Besòs gestellte Bedingung) sowie ein Areal mit mehreren Badestellen. Mein Arbeitsplatz befand sich in diesen fünf Monaten hingegen in den beiden großen, eigens für die Veranstaltung errichteten Bauten, nämlich im dreiecki-gen Forumsgebäude mit seinem großzügigen Auditorium, das von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen wurde (das Auditorium gibt es immer noch und mittlerweile befindet sich dort auch das Museum für Naturwissenschaften) sowie im CCIB, dem internationalen Kongresszentrum Barcelonas, in das ich gelegentlich aus Anlass verschiedener Tagungen zurückkehren darf.
Ein weiteres symbolträchtiges Wahrzeichen dieser Gegend stellt die große Photovoltaikanlage dar, die seit 2004 die Kulis-se an der Küste von Barcelona prägt und als Aussichtsfläche nicht nur einen wunderbaren Blick auf das Meer freigibt, sondern auch wohltuenden Schatten spendet.
Dieses neu errichtete Areal war Austragungsort des internationalen Forums der Kulturen in Barcelona. Sowohl die dort ansässigen Bewohner als auch die von auswärts kommenden Menschen sollten von dieser Veranstaltung in ihren Bann gezogen werden, die um die drei Hauptthemen nachhaltige Entwicklung, Grundlagen für Frieden und kulturelle Vielfalt kreiste. Die zahlreichen Kongresse, Vorführungen und Ausstellungen waren auf die Förderung des Dialogs ausgerichtet. Abgerundet wurde die gesamte Veranstaltung von einem vielfältigen gastronomischen Angebot und einem Spielplatz für die kleinsten Besucher. Ich kann mich noch sehr gut an den Höhepunkt der Forums-Ausstellungen erinnern, die Terrakotta-Armee von Xi’an, oder an das Eröffnungsschauspiel Moure el món (Die Welt bewegen), das jeden Abend aufgeführt wurde. Aus dem Wasser des Hafens ragte eine Riesenmetallkugel heraus, die aus zwölf Teilen bestand, welche durch den Antrieb von Hydraulikzylindern bewegt wurden. Im Gedächtnis geblieben ist mir das kulinarische Angebot, mit dem die kulturelle Vielfalt der Erde zum Ausdruck gebracht werden sollte, und das uns ermöglichte, Gerichte aus der ganzen Welt zu verkosten. Schöne Erinnerungen habe ich auch an die Haima, eine aus luftigen Stoffen bestehende Überdachung in der Mitte des Forum-Geländes, wo ein Markt eingerichtet war und verschiedene Aktivitäten stattfanden. Darüber hinaus gab es einen Zirkus, ein Kabarett sowie einen Zug, den Rodafòrum, mit dem die Besucher und Besucherinnen über das Gelände fahren konnten. In jedem Fall wurde uns viel Abwechslung geboten, wenn wir nicht gerade in unserer Dolmetscherkabine zum Arbeiten saßen.
Viele bekannte Gesichter kamen anlässlich des Forums und nahmen an den zahlreichen Kongressen teil. Von Politikern wie Michail Gorbatschow und Lula da Silva über Leute aus dem Showgeschäft wie Angelina Jolie bis hin zu Schriftstellern wie José Saramago und Salman Rushdie.
Die ein oder andere Veranstaltung fand auch außerhalb des Forum-Geländes statt. Den großen, von Carlinhos Brown gelei-teten Karnevalsumzug, den Carnavalona, habe ich heute noch vor Augen. Die Dezibel, mit der die brasilianische Musik ent-lang des Boulevards Passeig de Gràcia ertönte, vergisst man nie. (Wie habe ich um Dich gebangt, mein Kleiner, der Du in meinem Bauch lagst). Auch der damalige Bürgermeister von Barcelona, Joan Clos, der auf einem durch die Straßen ziehenden Wagen tanzte, gehört noch zu meinen Erinnerungen an diese Zeit. Das war Begeisterung in ihrer reinsten Form!
Seitdem sind über zwanzig Jahre vergangen und das Forum-Areal ist immer noch da, so als ob nichts geschehen wäre. Es stimmt wohl, dass man sich für die Zukunft dieses Geländes Großes erhofft hatte und nicht alle Erwartungen erfüllt wurden. Dennoch dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass damit für die Stadt ein Gebiet zurückgewonnen wurde, in dem man spazieren gehen, schwimmen, Megakonzerte wie das Musikfestival Primavera Sound hören oder beim Frühlingsvolksfest Feria de Abril viele Attraktionen erleben kann.
In all diesen Jahren war das Forum mein treuer Wegbegleiter und ich wage sogar zu behaupten, dass es miterlebt hat, wie meine Kinder zur Welt kamen und aufwuchsen. Wir sind mit ihnen von klein auf zum Rollerfahren auf die große Betonplatt-form gegangen und haben im Klettergarten zwischen Seilrut-schen und Trampolinen mehrere Geburtstage gefeiert. Vor kurzem habe ich gelesen, dass dort jetzt ein großer Panorama-Heißluftballon aufgebaut werden soll. Mal sehen, ob ich meine Höhenangst überwinden kann, um mich in ein weiteres, neues Abenteuer zu stürzen, das mir das Forum bietet.
Von Christina Amils, April 2026
LAMEBA 2.0: Es geht weiter
2024 erschien der von Ronald Grätz herausgegebene Band LAMEBA in der Edition Esefeld&Traub, ein Stadtlesebuch mit Beiträgen von fast 70 Autorinnen und Autoren über „ihr“ Barcelona. In Zusammenarbeit mit dem TaschenSpiegel und dem Verlag wird das erfolgrei-che Projekt nun online fortgeführt. In jeder Ausgabe des TaschenSpiegels erscheint ein neuer Artikel zu LAMEBA 2.0; alle Beiträge sind auch auf der Verlagswebsite abrufbar.
www.edition-et.de/LAMEBA22@0!/index0d.htm
Schlagwörter: LA MEBA
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