Sprachen in Europa führen zur Vielfalt

M. Loreto Vilar, Professorin für Germanistik an der Universität Barcelona
Interview mit M. Loreto Vilar, Professorin für Germanistik an der Universität Barcelona.
Neben der Lehrtätigkeit forscht sie insbesondere zur modernen deutschsprachigen Literatur.
von Ina Laiadhi, SEptem,ber 2026
Im September führte ich ein Interview mit M. Loreto Vilar, um mich mit ihr über moderne europäische Sprachen und Literatur auszutauschen.
Was hat Sie zur deutschen Literatur geführt?
Kafka, Böll, Thomas Mann wollte ich im Original lesen. Diese waren die Autoren, die mir als nicht Muttersprachlerin in Spanien bekannt waren. Früher, als Kind, kannte ich natürlich die Märchen der Brüder Grimm und auch die Geschichten E.T.A. Hoffmanns – damals war mir aber wohl noch nicht so richtig bewusst, dass die Originale auf Deutsch verfasst waren. Also vor dem Studium der Germanistik war ein Interesse für die deutsche Sprache, für die Kultur, ich habe die vereinfachten Lesetexte für Sprachlernende noch immer aufbewahrt. Daran muss ich mich heute erinnern, wenn ich versuche, den Studierenden meine Begeisterung für zum Beispiel Schillers Räuber, Kleists Penthesilea oder Tawadas Etüden im Schnee zu vermitteln.
Gibt es eine besondere Verbindung zwischen der deutschen und der spanischen Literatur?
Obwohl die historischen Kontexte sehr unterschiedlich sind, sehe ich eine besondere Verbindung in der Thematisierung der Kriegs- und Exilerfahrung im 20. Jahrhundert. Anna Seghers und Teresa Pàmies, zum Beispiel, oder auch Uwe Timm und Javier Cercas behandeln ähnliche traumatische Erlebnisse, die in den Familien öfters verschwiegen wurden. Aber schon lange zuvor gab es Verbindungen und gegenseitige Einflüsse; die Autoren des spanischen Siglo de Oro, Góngora, Gracián, Calderón, Lope, natürlich auch Cervantes, weckten das Interesse der deutschen Romantiker von den Brüdern Schlegel bis hin zu Schiller und Goethe. Und um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert galt die deutsche Literatur in Spanien als modern und vorbildlich, Gerhart Hauptmann übte einen bedeutenden Einfluss auf den Jugendstil aus, und Joan Maragall lernte Deutsch, um Goethe im Original zu lesen – und dessen Iphigenie ins Katalanische zu übertragen.
Welche deutschen Autorinnen werden in Spanien besonders viel gelesen und geschätzt?
Vor allem sind als deutschsprachige Autoren bekannt, glaube ich, hauptsächlich die Klassiker, Goethe und Schiller, Heine, Büchner, nicht so sehr Kleist. Aus dem 20. Jahrhundert: Brecht, Thomas Mann, Böll, Canetti, Hesse, Grass, Handke. Autorinnen haben es schwieriger, würde ich sagen. Bachmann ist wohl die Ausnahme. Jelinek wurde zum Beispiel nach dem Nobelpreis schnell übersetzt, ihr Werk wird heute aber kaum gelesen.
In der spanischen Literatur gibt es die Figur des „Picaro“ (Schelm). Gibt es ein Pendant dazu in der deutschen Literatur?
Bestimmt: Grimmelshausens Simplicissimus und seine „Landstörtzerin“ Courasche. Im 20. Jahrhundert muss der kleine Oskar Matzerath aus Günter Grass‘ Blechtrommel genannt werden. Und neulich auch der Kommunist Peter Holtz von Ingo Schulze.
Welche Resonanz hat Ihre Forschung erhalten?
Vor allem meine Arbeit zur DDR-Literatur ist bekannt, ich habe an den Handbüchern des Metzler-Verlags über Christa Wolf und Anna Seghers mitgewirkt. Bei renommierten Verlagen und Zeitschriften zu publizieren, ist als Uni-Dozentin sehr wichtig, ebenso wie die Organisation von wissenschaftlichen Tagungen. Die Tagung, die wir 2024 an der Fakultät über Kafkas Spuren in der spanischen und katalanischen Literatur veranstaltet haben, fand beispielsweise große Resonanz.
Woran leidet die europäische Literatur?
Wohl unter einer Marktpraxis, die sich an der Beschleunigung orientiert, die derzeit alles durchdringt. Und doch gibt es immer gute Ausnahmen: Joshua Groß, Helene Bukowski, Nelio Biedermann, Pol Guasch…
Milan Kundera sagte: „Europa ist es nicht gelungen, seine Literatur als historische Einheit zu begreifen, und ich werde nicht aufhören zu wiederholen, dass darin sein unheilbares intellektuelles Versagen liegt.“ Was halten Sie von dieser bitteren Feststellung?
Die verschiedenen Kontexte und Sprachen in Europa führen zur Vielfalt, aber ist das „intellektuelles Versagen“? Damit kann ich nicht einverstanden sein. Es ist aber auch klar, dass Kundera dies Anfang der 1980er Jahre und mit Bezug auf den Folgen des Zweiten Weltkriegs in Mitteleuropa und des Eisernen Vorhangs schrieb. Damals war nicht absehbar, wie sich die Geschichte Europas und der Welt entwickeln würde.
Glauben Sie, dass Literatur eine Rolle im Kampf gegen Rassismus und Extremismus spielen kann?
Ohne Zweifel. Bernhard, Sebald, Walser, Weiss, Klüger, Jelinek, Timm, Menasse, Herta Müller, Tellkamp, Beyer, Mora, Julie Zeh, aber auch zum Beispiel die Krimis von Max Annas spielen eine wichtige Rolle. Und die Philologie trägt dazu bei, dass Literatur wahrgenommen wird.
Können Intellektuelle mit Migrationshintergrund dazu beitragen, ihre Kultur bekannter zu machen?
Natürlich, nehmen wir einfach Yoko Tawada in Deutschland, Najat El Hachmi in Katalonien. Durch ihre Werke, die im „Zwischenraum“ entstanden sind, können Leser:innen eine neue Welt, eine andere Kultur kennenlernen, und das erweitert die eigene Welt und bereichert die eigene Kultur. Ihre Literatur ist nicht zuletzt auch ein Gegenmittel gegen Rassismus.
Wie sehen Sie angesichts des Fortschritts der KI die Zukunft der Universität und insbesondere der deutschen Fakultät an der UB?
Entsprechend dem allgemeinen Trend an spanischen Universitäten bietet die UB keinen Studiengang „Germanistik“ mehr an. Im Bachelor Moderne Sprachen und ihre Literaturen der Fakultät für Philologie und Kommunikation wird Deutsch zu jeweils 50 Prozent mit einer anderen Sprache kombiniert. Gerade weil unser Angebot so begrenzt ist, halte ich den Einsatz von KI für punktuelle Übersetzungen für eine positive Sache, da sie Lücken in den Sprachkenntnissen ausgleichen kann. KI darf jedoch niemals die individuelle kritische Auseinandersetzung ersetzen; bei Prüfungen beispielsweise dürfen die Studierenden KI nicht nutzen. In der philologischen Forschung hingegen kann die KI dank ihrer immensen Fähigkeit, Daten zu verarbeiten und zu ordnen, zweifellos Recherchen beschleunigen, die bisher langwierig, mühsam und in ihrem Umfang viel begrenzter waren.
Wer ist Ihre Lieblingsautorin?
Schwer zu sagen, aber mich verbindet einiges mit Anna Seghers. Meine Doktorarbeit handelte über deren Werk. Und ich kehre immer wieder zu ihr, um neue Aspekte und Details zu entdecken. Ihre „drei Etappen“ interessieren mich sehr, Frühwerk, Exil und ihre Produktion in der DDR, sie starb ja 1983.
Glauben Sie an eine eigenständige Frauenliteratur?
Literatur von Frauen, ja. Als Etikett jedoch nicht.
Frau Vilar, wir danken für die interessanten Einblicke.
Infos

Die Universität Barcelona gehört zu den ältesten Universitäten Spaniens
1450: Gründung durch König Alfons V. von Aragón.
1714: Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg nach Cervera verlegt.
1837/1838: Rückkehr der Universität nach Barcelona.
1872: Eröffnung des heutigen historischen Universitätsgebäudes an der Plaça de la Universitat. Es wurde nach Plänen des Architekten Elies Rogent gebaut
Der Studiengang Lenguas y Literaturas Modernas verfügt über ca. 100 Studienplätze. An der Fakultät für Philologie und Kommunikation werden verschiedene Sprachen und Literaturen studiert, darunter Katalanisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Portugiesisch/ Galicisch und Russisch.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von Sprache, Literatur und Kultur.
Schlagwörter: Barcelona, Biografisches, Interviews
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