Ingeborg Bachmann zum 100. Geburtstag:
Dichtermythos des 20. Jahrhunderts
Von Evelyn Patz Sievers, September 2026
Ingeborg Bachmann ist in Barcelona keine Unbekannte. Während eines Veranstaltungszyklus von szenischen Lesungen wurde sie im (fiktiven) Dialog mit der katalanischen Schriftstellerin Maria-Mercè Marçal von Claudia Kalasz vorgestellt (s. TaschenSpiegel, Nr. 169-April/Mai 2025).
Zum 100. Geburtstag einer der bedeutendsten deutschsprachigen lyrischen Schriftstellerinnen der Moderne ist Bachmanns Werk und Leben in zahlreichen Biographien neu erschienen. Der Dokumentarfilm „Ingeborg Bachmann. Jemand, der einmal ich war“ bezeugt die schillernde Persönlichkeit der Dichterin, ihren scharfen Intellekt und Sinn für Polemik, indem sie im Interview unter dem irritierten Blick einer Journalistin behauptet, „alle Männer sind krank … alle!“
Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken: In dieser ergänzten Neuausgabe nimmt Ina Hartwig wissenswerte Details des facettenreichen Lebens und Wirkens der österreichischen Lyrikerin ins Visier. Neben einer gründlichen Werk- und Lebensanalyse werden lebende Zeitzeugen der Dichterin interviewt. Ingeborg Bachmann erscheint darin zugleich als unschuldige, fragile, verletzbare, krisengeschüttelte aber auch als tabletten- und alkoholsüchtige, selbstbewusste, raffinierte und kompromisslose Künstlerin. Bachmann, eine fähige Denkerin und publikumswirksame Dichterikone zog mit divenhaftem Auftreten alle Blicke auf sich. Dabei soll sie gefühlvoll, warmherzig und radikal unkonventionell gewesen sein. Sie bewegte sich selbstsicher unter Intellektuellen – ihresgleichen – meistens Männern, pflegte enge Freundschaften zu Schriftstellerkollegen (u.a. Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger) und führte mehrjährige Liebesbeziehungen zu Hans Weigel und den berühmten Schriftstellern Paul Celan und Max Frisch.
Ingeborg Bachmann, geboren am 25. Juni 1926 im österreichischen Klagenfurth (Wörthersee) ist das älteste von drei Kindern des Lehrers und Schuldirektors Matthias Bachmann und seiner Frau Olga. 1928 kommt Schwester Isolde zur Welt, 1939 der Bruder Heinz, den sie abgöttisch liebt. Die NS-Vergangenheit des Vaters verfolgt die Familie jahrelang. Als guter und böser Vater wird er später von Ingeborg Bachmann im Traumkapitel ihres bedrohlichen Romans „Malina“ (1971) verarbeitet, dem ersten ihres geplanten Zyklus „Todesarten“. Hierin thematisiert sie gnadenlos die zwischen den Geschlechtern herrschenden Gewaltstrukturen in einer patriarchal dominierten Gesellschaft. Erschütternd ist Bachmanns Romanfragment „Der Fall Franza“ (1965), – entstanden nach einer Reise durch Ägypten (1964) mit dem jungen Schriftsteller Adolf Opel, der sie aus ihrer tiefen psychischen Krise nach der Trennung von Max Frisch (1963) herausholt – in dem die Protagonistin durch männliche Figuren bedroht, vergewaltigt und in den Tod getrieben wird. In Innsbruck, Graz und Wien studiert Bachmann Philosophie, Germanistik und Psychologie und promoviert 1950 über Martin Heidegger zum Dr. phil. Für den Alliierten-Radiosender Rot-Weiß schreibt sie Essays (über Simone Weil) und Hörspiele („Der gute Gott von Manhattan“) und arbeitet als Romkorrespondentin für Radio Bremen.
Schlagartig bekannt wird Bachmann nach ihrem auf einer Tagung der renommierten Nachkriegsliteratur-Gruppe 47 vorgetragenen Gedicht „Die gestundete Zeit“, wofür sie 1953 den Preis der Gruppe 47 erhält. Der „Spiegel“ vom 18.8.1954 lobt Bachmann mit einem Riesenporträtfoto als lyrische Sensation. Weitere Auszeichnungen folgen: „Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen“ (1957), Mitgliedschaft im PEN-Club und 1. Dozentur für Poetiklesungen an der Goethe-Universität Frankfurt (1959), „Berliner Kritikerpreis“ (1961), „Georg-Büchner-Preis“ (1964), „Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur“ (1968), „Anton-Wildgans-Preis“, Wien (1972). Zu Bachmanns Werk gehören u.a. Libretti für Opern von Hans-Werner Henze („Der Prinz von Homburg“) und Übersetzungen der Gedichte von Guiseppe Ungaretti.
Während eines Stipendiums an der Harvard Summer School (1955) befreundet sich Bachmann mit Henry Kissinger und lernt 1962 Hannah Arendt kennen. 1963 erhält sie ein 1-jähriges Stipendium der Ford Foundation für Westberlin und frequentiert literarische Freundeskreise um Grass, Uwe Johnson, Hans-Werner Richter, etc.
Ingeborg Bachmann lebt in Wien, Berlin, Zürich und ihrer Wahlheimat Rom. Im Laufe ihres intensiven Lebens wird sie häufig von Angstzuständen oder Depressionen geschüttelt, oftmals nach Beendigungen von Liebesbeziehungen. Aufgrund ihres Tabletten- und Alkoholkonsums unterzieht sie sich regelmäßig Entzugsbehandlungen in Kliniken und Sanatorien. 1973 schläft Bachmann in Rom mit einer brennenden Zigarette im Bett ein, wird mit schweren Verbrennungen ins Ospedale Sant Eugenio eingeliefert, fällt ins Koma und stirbt drei Wochen später an den Folgen von Medikamentenentzug. Am 17. Oktober 1973 wird Ingeborg Bachmann auf dem Friedhof Annabichl in Klagenfurth beigesetzt. Welch‘ ein tragisches, abruptes Ende für ein derart reichhaltiges, produktives Leben und Wirken einer begnadeten und hochbegabten Schriftstellerin: Ingeborg Bachmann!
Schlagwörter: Biografisches, Kultur Literatur
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