Editorial 178: Europas Devise: Vielfalt.

Ein vielsprachiger Kanon
Von Ina Laiadhi, Chefredakteurin
„Wie viele Einsprachler sind heute hier?“ Laura Romero von der Europäischen Kommission schaut in die Runde. Kaum eine Hand geht hoch. Bei zwei und drei Sprachen werden es deutlich mehr. Ein kleines Stimmungsbild – und zugleich ein ziemlich treffendes Porträt Barcelonas: Mehrsprachigkeit gehört hier zum Alltag. Europa vereint in Vielfalt.
Im September hatte das Goethe-Institut Barcelona gemeinsam mit EUNIC und anderen hiesigen Kulturinstituten zum Europäischen Tag der Sprachen eingeladen. Schon beim Betreten des Hauses war die Sprachenvielfalt nicht zu überhören. Verschiedene Sprachen schwirrten durch die Räume, begegneten einem an den Ständen des Institut Français, des Istituto iltaliano di cultura di Barcelona und des British Council, in der Bibliothek, den Vortragssälen und den Fluren. Kindern wurden Märchen erzählt, ein Chor probte einen mehrsprachigen Kanon von „Bruder Jakob“, es gab einen französischen Vortrag und eine Debatte um die Komplexität von Spracherwerb in einer multilingualen Umgebung.
Wie gehen die Eltern damit um, wenn sie ihre Hauptsprache weitergeben wollen? Welche Ideen gibt es, wenn jemand zwei Hauptsprachen hat, der Ehepartner eine 3. spricht und im sozialen Umfeld eine weitere Sprache gefordert ist? Der per Video zugeschaltete Schweizer Sprachwissenschaftler Raphael Berthelé bekräftigte, dass Spracherwerb einer zusätzlichen Sprache einfacher sein könne, wenn bereits eine Sprache aus der Sprachfamilie gesprochen werde. Aber es gäbe kein „richtiges“ Konzept. Er warb für einen offenen Umgang im mehrsprachigen Umfeld. Mit einem Augenzwinkern meinte er, es gäbe keine einfacheren Sprachen, dafür aber schwerere. Wer viele Sprachen beherrscht, hat meist eine hohe Disziplin, was das Erlernen anbelangt, von nichts kommt nichts. Kinder verwundern uns oft, wie schnell sie eine Sprache aufsaugen. Sie lernen übrigens meist so geschwind, weil sie zur Gruppe dazu gehören wollen und üben, üben, üben … Die Sprachdidaktikin Zita Maté nahm uns mit auf eine Reise durch die Unterschiedlichkeiten von Sprachen, die beim Sprachwerwerb manchmal zu stören scheinen, aber in Wirklichkeit ein Gewinn sind. Sie eröffnen neue Perspektiven und lassen uns die Welt auf unterschiedliche Weise betrachten.
Bei französischer Quiche, italienischer Bruschetta, englischem Brownie, spanischem Obstsalat und katalanischem Cava wurde die sprachliche Vielfalt Europas schließlich auch kulinarisch gefeiert. Ich habe diesen Abend als wohltuenden Gegenentwurf zu dem Europa erlebt, von dem so oft die Rede ist: ein Europa, das krank sei, voller Krisen und Probleme, vielleicht sogar am Ende. Hier war davon wenig zu spüren. Hier war Europa lebendig – vielfältig, neugierig, offen und vor allem miteinander im Gespräch. Viele Sprachen, viele Perspektiven – und eine einfache Erkenntnis: Im Grunde steht uns ein Lächeln in jeder Sprache gut.
Schlagwörter: Geschichte, Goethe Insittut Barcelona, Kultur Literatur
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