Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur
Von Ulrike Müller, Juni 2026
Uwe Wittstock
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich 1940 fliehen zahlreiche deutschsprachige Kunst- und Kulturschaffende und politische Gegner_innen des NS-Regimes nach Südfrankreich, viele von ihnen aus dem Pariser Exil kommend. Marseille wird zum Sammelpunkt von Exilanten, die verzweifelt versuchen, Visa, Transitpapiere und Schiffspassagen zu erhalten, um der drohenden Auslieferung an Deutschland zu entgehen. Anna Seghers berühmter Roman „Transit“ beschreibt diese chaotische Zeit.
Ein zentraler Teil von Wittstocks Buch ist der noch wenig beachteten Geschichte um Varian Fry gewidmet, einem Journalisten aus New York, der 1940 für das Emergency Rescue Committee (ERC) in Marseille arbeitete. Diese Hilfsorganisation hat unter Frys Leitung etwa 2000 von den Nazis verfolgte Personen zur Ausreise verholfen. Fry gelang es in kürzester Zeit, ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen, zu denen der Widerstandskämpfer und Ökonom Albert Hirschman, die Pyrenäen-Fluchthelferin Lisa Fittko, die amerikanische Millionärin Emma Jane Goldman und der Zeichner bzw. Fälscher Bill Freier gehörten. Auch Peggy Guggenheim war zeitweise involviert, sowie der US-Vizekonsul Hiram Bingham, der entgegen offizieller Weisungen Hunderte von Visa ausstellte.
Nach Ansicht seines Arbeitgebers, des ERC, schießt Fry bald übers Ziel hinaus. Er verbraucht weit mehr Geld und bemüht sich um mehr Menschen als nur um die prominenten Künstler_nnen, die auf der Liste des Komitees stehen und die zu retten die eigentliche Mission war. Neben bekannten Persönlichkeiten wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, Max Ernst, Walter Benjamin und Hannah Arendt hilft er Hunderten anderen zur Flucht aus Vichy-Frankreich. Es kommt immer wieder zu Konflikten um die (illegalen) Mittel des Widerstands und den Grad der persönlichen Gefährdung, aber das improvisierte, bunte Netzwerk um Fry ist erstaunlich robust.
Wittstocks Charaktere sind keine konstruierten Romanhelden, sondern lebendige Menschen mit all ihren Schwächen, Beziehungsproblemen und Freundschaften. Varian Fry ist ein problembehafteter junger Mann mit Hang zu Depressionen und einem Autoritätsproblem, das ihm für seine Karriere hinderlich ist, ihm aber auch zu ungeahntem Mut verhilft. Die unglaublichen Erlebnisse seines Marseille-Jahrs reichen nach eigenen Aussagen „für 20 Jahre Leben“. Frys Taten wurden erst nach Jahrzenten öffentlich gewürdigt.
Wittstocks Begeisterung und sein Staunen über das, was in dieser Organisation durchschnittliche Menschen ohne besondere Weltanschauung möglich gemacht haben, steckt an. Es bleibt bis zur letzten Seite spannend und bewegend, dem Schicksal jeder einzelnen Person nachzugehen. Trotz der vielen Namen und Einzelheiten gelingt es Uwe Wittstock, den Lesenden mitzureißen – er bleibt nicht im Anekdotischen stecken und wird (trotz umfangreicher Recherche) auch nicht zum rein faktenvermittelnden Historiker.

Infos
Goethe-Institut Barcelona, c/ Roger de Flor, 224
Tel +34 93 292 6006
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Schlagwörter: Geschichte
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