Die Tür zur Freiheit auf der Straße entdeckt

Im Born kann man sehr viele StreetArt Künstlerinnen und Künstler entdecken, Fotos: Kati Niermann
Von Kati Niermann
An einem Samstag im April traf ich mich zum Sightseeing der anderen Art mit einer Künstlerin in Barcelona. Auf dem Programm stand weder Gaudi, noch Picasso, Miró oder Dali. Die Street Art-Künstlerin Minajoe nahm mich und drei weitere Interessierte mit in das Reich der Straßenkunst im Viertel El Born. Ich war hier schon unzählige Male entlanggeschlendert und habe links und rechts die mit Graffiti verzierten Tore, Türen und Persianas bewundert. Oft habe ich mich gefragt, was die Gestalter antreibt und was sie der Welt mit ihren Kunstwerken geben wollen.
Minajoe erklärt sich bereit, genau diese Fragen zu beantworten. Für anderthalb Stunden tauchen wir ein in eine verborgene „zwielichtige“ Subkultur. Sie erklärt uns, dass sie mit ihren Bildern die Welt verändern will, mehr als das in ihrem gut bezahlten, sicheren Job möglich war. Sie setzte alles auf eine Karte und kam nach Barcelona, um ihrer Berufung zu folgen. Manchmal muss man ins kalte Wasser springen, ohne sich zu fragen, wie kalt es ist, sagt sie.
Hier war es allerdings sehr kalt. Denn Street Art ist trotz Vorreitern wie Banksy (der zugegebenermaßen eine Lanze für diese Kunstrichtung gebrochen hat) noch weit davon entfernt, sozial anerkannt zu werden. Man muss sich behaupten und dafür braucht man einen starken Willen. Zuerst einmal bewegt man sich in einer rechtlich schwierigen Zone zwischen Polizei, Eigentümern und anderen Graffiteros. Die Theorie sieht folgendes Szenario vor: Ich sehe eine Tür, finde heraus, wem sie gehört und frage, ob ich sie bemalen darf. Das ist ein sehr zeitintensives Unterfangen und nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Der Eigentümer ist vielleicht unauffindbar oder sagt nein. Dann möchte ich die Tür aber immer noch bemalen. Ein weiteres Szenario ist: Ich sehe eine Tür, die wirklich nicht mehr fein aussieht und verschönere sie mit meiner Kunst. Der Besitzer ist dem Anschein nach nicht am Aussehen der Tür interessiert, also sollte ihn die Kunst darauf auch nicht stören, eine Grauzone. Ist der Besitzer nicht fein damit, kommt vielleicht die Polizei auf mich zu. Ein drittes Szenario: Die Tür ist bemalt und mit irgendwelchen Tags übermalt. Ich mach sie wieder schick, indem ich ein neues Bild darauf male. Autsch! Es gibt ein ungeschriebenes Ethos unter den Künstler_innen: Niemand sollte das Bild eines anderen übermalen. Das gehört sich nicht. Aber immer wieder tauchen trotzdem Tags auf Bildern auf.
Warum also gehen sie dieses Risiko ein? Der Sog von Street Art ist stark, am meisten bei Jugendlichen. Wie auch in der Musik geht es um Abgrenzung, Protest und Identitätsfindung, aber auch darum, sich auszudrücken und zu behaupten. Ganze Gruppen finden sich zusammen und wollen nur in so vielen Straßen wie möglich präsent sein. Einige treffen politische Aussagen, einige wollen auf soziale Missstände aufmerksam machen. Manche reizt es, sich mit der „Obrigkeit“ anzulegen, den Nervenkitzel zu spüren. Manch einer begreift es als eine Art Therapie und erhält sich mit den Bildern seine geistige Gesundheit. Und einige sind einfach „nur“ Künstler_innen.
Die, die letztendlich dabeibleiben, haben ihren ganz eigenen individuellen Beweggrund, der stärker ist, als das Bedürfnis, seine Ruhe zu haben. Sie definieren sich über ihre Kunst und machen sich in der Szene (und vielleicht darüber hinaus) einen Namen. Manche Bilder werden nicht „angefasst“. Daran erkennt man, dass der Künstler ein Standing in der Community hat.
Eine Barbesitzerin, deren Eingangsbereich Minajoe bemalt hat, begrüßt sie freudig. Manchmal sagt sie, öffnet sie ihre Bar und da stehen schon Leute und schauen sich die Türen an. Jeder, der stehenbleibt, ist vielleicht auch geneigt einzukehren. Eine Win-win-Situation. Doch wenn man das alles für sich geklärt hat, bleibt immer noch die Frage, wie man seine Kunst finanziert. Farbe kostet Geld, Malen kostet Zeit. Und Miete, Strom, Gas, Elektrik wollen auch bezahlt werden.
Wer sich für diese Kunstform entscheidet, muss wirklich dafür brennen. Das tut sie, sagt Minajoe. Von dem Geld, das ich ihr für die wirklich aufschlussreiche Führung gebe, geht sie Farbe kaufen.
Und sie lässt mich mit dem Gefühl zurück, dass ich auch so eine Tür will, weil ihre Kunst eine Freiheit ausstrahlt, die ich seit langem nicht mehr so verspürt habe.
Info:
www.minajoe.co
Schlagwörter: Barcelona, Malerei
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