La MEBA: Der (heilige) Kran der Sagrada Familia

Blick auf die Sagrada Familia mit der „Santa Grua“, Foto: Bennett Encke
La Santa Grua
Als Theologe prägt mich eine etwas intensivere Beziehung zu Kirchen – und in Barcelona insbesondere zur Sagrada Familia. Dabei hat es mir nicht nur ihre Architektur, das im Tagesverlauf wechselnde Licht als das Wunderwerk an Harmonie angetan. Es gibt noch etwas: Auf Billionen Fotos seit Baubeginn dokumentiert, aber wahrscheinlich nicht richtig wahrgenommen und mit Sicherheit in seiner – im wahrsten Sinne des Wortes – Tragweite nicht richtig gewürdigt – der Kran. Ich nenne ihn den „Heiligen Kran“, „Santa Grua“.
Der Bau der Basilika i Temple Expiatori de la Sagrada Família wurde 1882 begonnen und die Fertigstellung ist – aus Kran-Perspektive, um die es in der Folge geht – eigentlich nicht so eilig (2033?). Auf die Unmöglichkeit einer baldigen Fertigstel-lung angesprochen, antwortete Gaudí noch kurz vor seinem Tod vor 100 Jahren: „Mein Kunde hat keine Eile“. Vielleicht meinte er Gott, vielleicht die Baudirektion – oder wollte er den seinerzeitigen Kran schützen?
Der junge Gaudí kam damals – das Bild liegt bei der Heiligen Familie nahe – zu diesem Architekturauftrag „wie die Jung-frau zum Kind“. Als Mitarbeiter des Architekturbüros von Joan Martorell war es wegen verschiedener Zerwürfnisse plötzlich an ihm, dem Endzwanziger, diese monumentale Kathedrale zu entwerfen.
Wir befinden uns nun im Jahr 144 der Bautätigkeit an dieser Heiligen Familie und man kann berechtigt davon ausgehen, dass genauso lange Kräne diese Kirche mit erschaffen haben. Sie haben viel gesehen, Diktaturen und Bürgerkriege, Weltkriege, Bombardements, Baustile von der neukatalanischen Variante der Neugotik, dem Modernisme, bis zu Elementen der Moderne – mehrere Unabhängigkeitsbewegungen und wohl Milliarden Touristen – neben einer Olympiade. Mit einer Höhe von 172,5 Metern wird der höchste Turm der Sagrada das Ulmer Münster mit seinem bislang höchsten Kirchturm der Welt um etwa 10 Meter überragen und somit in Barcelona die höchste Kirche der Welt stehen. Die Ulmer sagen, es mache ihnen überhaupt gar nichts aus, nicht mehr den höchsten Kirchturm der Welt zu haben – kein bisschen! Ein 17 Meter hohes, im schwäbischen Gundelfingen (es bleibt zumindest Baden-Württemberg) gefertigtes Kreuz wird den Christusturm krönen. Höher durfte es nicht werden, nicht höher sein als die Berge außen herum, weil nichts höher sein darf als das Werk Gottes. Das stimmt gleichwohl nur bedingt: Der Kran ist mit Ausleger stets höher als der höchste Turm. Der Kran ist im Grunde der 19. und höchste Turm der Kathedrale – deshalb „Santa Grua“.
Das Wort Kran (plural Krane, umgangssprachlich auch Kräne) stammt aus dem Altgriechischen und ist im Deutschen ver-wand mit Kranich. Das Assoziationsfeld des Fliegens (die Kranich-Airline), der Eleganz und Erhabenheit vermittelt die Leichtigkeit, das Schweben, das Emporstreben, die Anmut und Eleganz dieser metallenen Konstruktionen.
Es gibt eine überraschend hohe Zahl von Kranarten: Vom profanen Auslegerkran, den Brücken- und Portalkranen, Offshore-Kranen, Fahrzeug- und Turmdrehkranen bis zu den fast unbekannten Gleisjochverlegekranen. Meines Dafürhaltens müsste – und sei es nur für die „Santa Grua“ der Sagrada Familia – die Kategorie des „Sakralkrans“ in die Kran-familie aufgenommen werden.
Der Kran wurde im 6. Jh. v. Chr. im antiken Griechenland erfunden und war ein entscheidender Schritt zum Heben schwerer Lasten. Das verhalf der griechischen Baukunst zu vielen bautechnischen Höhepunkten und mit zu ihrer Blüte. Der erste schriftliche Beleg hierfür findet sich in den Mecha-nischen Problemen (Mechanika 18), die Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) zugeschrieben werden. Beschreibungen des mittelalterliche Drehkrans wie in Schriften des Ingenieurs Vitruv (de Architectura 10) und Heron von Alexandrias (Mecanica 3), zählen zum Bestand vieler Klosterbibliotheken (!). Alle heute noch vorhandenen mittelalterlichen Baukrane in Eng-land befinden sich in Kirchtürmen oberhalb der Gewölbe und unterhalb des Daches, wo sie nach Abschluss der Bauarbeiten blieben (!), um Reparaturmaterialien emporzuheben. Die Verbindungen der Sakral- und Glaubenswelt zu Kranen ist allenthalben offensichtlich. Was heißt das für die „Santa Grua“?
Wahrscheinlich wissen nur wenige, dass 1910 an der Mosel ein Zollkran erst nach über 500 Jahren Nutzung stillgelegt wurde. Das beruhigt, denn dann hat der Kran der Sagrada Familia – relativ gesehen – soeben erst sein Wirken begonnen.
Am Abend des 15. Februar 2014 bewegten sich 30 Krane mit Lichteffekten als Ballett choreographiert zur Symphonie Kranensee von Florian Reithner auf einer Baustelle in der Seestadt Aspern im Nordwesten Wiens. Kranballetts wurden auch1996 bei der Umgestaltung des Potsdamer Platzes in Berlin und 2010 als Requiem (!) der Kräne in der Hafencity Hamburg dargeboten.
Man sollte eine Initiative starten, auch nach Fertigstellung der Sagrada Familia die Santa Grua nicht abzubauen. Dieser Kran symbolisiert (für mich) das unaufhörliche Streben nach Vollendung der Kreativwelt Antoni Gaudís und die Un-beugsamkeit des Glaubens in einer immer verloreneren Welt. Santa Grua – der heilige Kran – verweist auf Ewigkeit, er hat sie mitgestaltet und sollte auch künftig Teil von ihr sein. Die-ser Kran hat uns gemeinsam mit vielen anderen – als Leitfigur – Hoffnung gegeben auf Harmonie, ja Frieden. Santa Grua ist ein Versprechen auf Vollkommenheit, ein Signal der Zukunft.
Anmerkung: Man sollte immer mit den Menschen, nie mit der Sache beginnen. Es wäre also zunächst geboten, den Kranführer oder die Kranführerin zu befragen – wie es da oben so ist, was man dort sieht und denkt und fühlt – und wie lange man nach oben und wie lange wieder nach unten braucht – und was ist, wenn man mal …., oder das Mittages-sen unten vergessen hat. Das bleibt einer nächsten Geschich-te vorbehalten.
Von Ronald Grätz, Dezember 2025
Schlagwörter: LA MEBA
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