LAMEBA 2.0: Anwesende Abwesenheiten
LAMEBA 2.0: Es geht weiter
2024 erschien in der Edition Esefeld&Traub der von Ronald Grätz herausgegebene Band LAMEBA – ein Stadtlesebuch mit Beiträgen von fast 70 Autorinnen und Autoren über „ihr“ Barcelona. Gemeinsam mit dem TaschenSpiegel wird das Projekt fortgeführt. Hier der neueste Beitrag:
Anwesende Abwesenheiten

Hauseingang in Barcelona, Foto: Werner Lorke
Von Franziska Börner, Mai 2026
Es gibt Menschen, deren Beruf es ist, das Leben von außen zu beobachten. Sie nehmen daran teil, damit die Geschichten anderer geschrieben werden können. Deren Alltag gestalten sie auf unscheinbare Weise mit – in kleinen Gesten, Gefallen oder Aufmerksamkeiten. Ihr Berufsstand wird als Portier oder Concierge be-zeichnet: ursprünglich die Hüter von Toren, Burgen oder Schlössern.
Schlösser gibt es fast keine in Barcelona, dafür herrschaftliche Wohnhäuser und Bürokomplexe, besonders seit der Zeit der Industrialisierung und des Modernisme. Das aufstrebende Bürgertum inszenierte sein Wohnen, Leben und Arbeiten architek-tonisch und personell. Draußen donnerte schon damals der Verkehr vorbei, Bäume waren weniger geworden und die Stadt wurde rationalisiert. Gegen den grauen Stein, Dreck und Lärm wurden die Eingänge und Treppenhäuser von porzellanhaften Pflanzen und Blumen überwuchert. Spiegel und Vertäfelungen führten an der Pförtnerloge vorbei, von wo aus es zum Fahrstuhl ging.
Man kam nicht an den Hof, aber man bekam beim Betreten der Gebäude ein Gefühl der Exklusivität vermittelt – man wurde abgewiesen oder willkommen geheißen. Dieser Übergang von der Welt draußen nach drinnen und andersherum wurde gut bewacht. Wie Zerberusse der Gutbürgerlichkeit sind auch heute noch viele Concierges Teil dieser Inszenierung.
Als ich nach Barcelona kam, fühlte ich mich an Paris, an Klischees aus Filmen und der Literatur erinnert. All die Geschichten und Geheimnisse, Vermutungen und Gleichgültigkeiten der Bewoh-ner und Gäste, von denen jene Torhüter Zeugen werden, dien-ten schon oft als künstlerische Inspiration. Ob Kurt Tucholsky, Javier Marías oder Muriel Barbery, die unauffälligen Randgestal-ten der Eingangsbereiche erscheinen bei ihnen als Schicksalsfigu-ren. Sie wissen mehr über die Protagonisten als alle anderen. Und wir als Lesende sehen uns in ihnen gespiegelt. Als würden sie unseren beobachtenden Platz einnehmen und für uns mit ihrem Blick alles durchdringen.
An meiner ersten Arbeitsstelle in Barcelona hatten wir einen Concierge, der den ganzen Tag über ein dickes Buch gebeugt war. Ob es die Bibel war, die Gesamtausgabe des Kapitals von Karl Marx, der Quijote oder Tirant lo Blanc – ich weiß es bis heute nicht. Sprechen tat er eigentlich so gut wie nie. Während er las – oder vermeintlich zu lesen schien – war er Zeuge des Geschehens, des Kommens und Gehens, des Erlaubten und Nicht-Erlaubten und all der anwesenden Abwesenheiten, die sich in einem solchen Eingangstrakt wie in tausend anderen der Stadt Barcelona täglich abspielen. Alle Gestalten und Passanten füllen die Leere dieser Eingänge, die niemals eine ist. Denn in ihr sind Geschichten geschrieben, die nur die Concierges zu lesen verstehen. Schauen Sie bei einem nächsten Besuch genau hin – vielleicht hat Sie jemand gerade beim Leben beobachtet und einen Satz in die Luft geschrieben. Aber dann sind Sie schon längst nicht mehr da.
LAMEBA 2.0: Es geht weiter
In jeder Ausgabe erscheint ein neuer Beitrag zu LAMEBA 2.0, abrufbar auch auf der Verlagswebsite:
www.edition-et.de/LAMEBA22@0!/index0d.htm.

Schlagwörter: Barcelona, LA MEBA
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