Sant Jordi 2026: Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens
Wenn ich eine Wolke wäre
Es ist eine Schiffsreise über den Atlantik, die Mascha Kaléko vor siebzig Jahren in das Land antritt, in dem sie 1938 der NS-Verfolgung in letzter Minute entfliehen kann.
Zu Beginn der 1930er Jahre hatte sich die junge lebhafte Mascha Kaléko im Berliner Romanischen Café im Kreis von berühmten Schriftstellern wie Kurt Tucholsky Gehör verschafft und gilt dort als aufgehender Stern. Kalékos humorvolle Gedichte aus dem alltäglichen Leben sprechen den Menschen aus dem Herzen und werden in vielen Tageszeitungen abgedruckt. Das 1932 beim Rowohlt Verlag erschienene Lyrische Stenogrammheft wird ein Verkaufsschlager. Nach siebzehn Jahren im New Yorker Exil, wo Mascha Kaléko zusammen mit ihrem zweiten Mann, dem chassidischen Synagogalmusiker und Chorleiter Chemjo Vinaver und ihrem gemeinsamen Sohn Steven eine zweite Heimat gefunden hat, möchte Gerd Rowohlt eine Neuauflage des damaligen Erfolgsbändchens wagen und lädt Mascha nach Hamburg ein. Nach langem Zögern kehrt sie 1956 ins Nachkriegsdeutschland zurück, voller Angst und Sehnsucht nach ihrem geliebten Berlin. Kann sie an ihren früheren Ruhm anknüpfen, wie wird sie, die jüdische Exilantin, aufgenommen werden, wie stehen die Deutschen zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit? Was sie während ihrer einjährigen Reise in deutschen Großstädten erlebt, übertrifft alle ihre Erwartungen. Täglich schreibt Mascha lange Briefe an „Chemjolein“ über Einladungen und Bekanntschaften von namhaften Schriftstellern wie Gottfried Benn und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in ihrer alten Heimat, glanzvolle Empfänge und märchenhafte Erfolge bei vielbesuchten Lesungen. Gleichzeitig schwärmt sie vom reichhaltigen Essen. Der Gedanke an eine dauerhafte Rückkehr nach Berlin – Kaléko „möchte ihren Chemjo hierherzaubern“ – wird ernsthaft erwogen. Doch nach vielen Wiederbegegnungen – auch mit ihren Schwestern – und Überlegungen kommt es anders als erträumt…
Volker Weidermann, bekannt durch Werke wie Lichtjahre – eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute, beschreibt virtuos das denkwürdige Jahr der Rückkehr Mascha Kalékos in ihr ehemaliges Heimatland, ihre Erlebnisse und erzählt nebenbei ihr gesamtes Leben, das Mascha bei aller Schwere ihrer Schicksalsschläge wie eine Wolke – gleich dem Titel eines ihrer Gedichte – durchschwebt. Das Buch ist eine spannende Reise – und Lebensgeschichte und bietet zugleich Einblick in die Gesellschaft Deutschlands der 1950er Jahre aus verschiedenen Blickwinkeln. Jede Seite ist ein Lesegenuss!
Von Evelyn Patz-Sievers, April 2026
Infos
Volker Weidemann: Wenn ich eine Wolke wäre: Mascha Kaléko, 240 S., Kiepenheuer&Witsch, 23€
Schlagwörter: Frauen
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