Unsere Aufgabe ist politischer geworden

Prof. Dr. Gesche Joost,
Präsidentin Goethe-Institut
Foto: Loredana La Rocca
Interview mit Prof. Dr. Gesche Joost, Präsidentin des Goethe-Instituts seit November 2024 und Professorin für Designforschung an der Universität der Künste Berlin
Prof. Joost lernte ich kurz bei ihrem Besuch auf der Feier zum 70. Beste-hen des Goethe-Instituts in Barcelona kennen, wo sie sich spontan zu einem Gespräch mit dem TaschenSpiegel bereit erklärte. Das Interview fand per Video Mitte Februar statt.
Bevor Sie Präsidentin des Goethe-Instituts wurden, haben Sie sich bereits in den Bereichen Design, Kultur, Kunst, neue Technologien und vielen anderen Projekten einen Namen gemacht. Haben Sie Ihre Ziele erreicht?
Die Aufgaben hören nie auf. Es ist gelungen, diesen Bereich der Design-Forschung, der zwischen Technologie, Gesellschaft und Gestaltung liegt, stärker in Deutschland zu etablieren. An meiner Uni konnte ich ein experimentelles Lab aufbauen und habe inzwischen an die 30 Doktoranden und Doktorandinnen auf den Weg gebracht; davon sind inzwischen 12 Professoren und Professorinnen. Durch diese engagierten Menschen entstand eine neue Generation von interdisziplinären Forschern und Forscherinnen, die sich an dringenden, gesellschaftlichen Fragestellungen orientieren: Ist die Digitalisierung gerecht oder schafft sie vielleicht mehr Ungerechtigkeit? Wen exkludieren wir? Welche Rolle spielen Genderaspekte, inklusive Aspekte? Da haben wir es geschafft, einen neuen Typus von Forschern und – besonders- Forscherinnen zu etablieren. Ich bin sehr froh, dass ein Netzwerk entstanden ist. Insofern ist das ein Ziel gewesen, das ich erreichen wollte und konnte.
Wird die kulturpolitische Arbeit durch die geopolitischen Veränderungen unserer Zeit beeinflusst? Wie kann darauf reagiert werden?
Es ist essentiell, dass wir auf die geopolitischen Veränderungen reagieren. Die Gewissheiten, mit denen ich aufgewachsen bin und mit denen vielleicht auch viele vertraut waren, zerbrechen. Demokratien sind weltweit auf dem Rückzug, die langjährigen stabilen Partnerschaften werden herausgefordert, neue Bündnisse müssen geschmiedet werden. Das müssen wir in Deutschland sehr ernst nehmen. Es beschäftigt uns in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, weil wir Teil der Außenpolitik sind. Auch heute wird der Fokus darauf gelegt, Brücken zu bauen, Freunde zu finden, einzuladen, jedoch sehen wir heute die Rivalitäten in der Deutungshoheit: Was ist Teilhabe? Warum braucht es die Demokratie? Was ist für uns ein gutes Gesellschaftsmodell? Das ist sehr streitbar geworden. Es ist ein Machtkampf entstanden, um zu definieren, was Meinungsfreiheit ist und was Solidarität ist.
Wir treten daher mit unserer Arbeit gegen Desinformation an, indem wir Medienkompetenz fördern, validierte Informationen bereitstellen und Räume für kritische Diskussionen schaffen.
So können wir durch unsere Arbeit Demokratie anfassbar machen. Warum lohnt es sich, in Freiheit zu agieren? Natürlich ist Demokratie anstrengend, aber es ist immer noch die beste Gesellschaftsform, die ich mir vorstellen kann. Diese Rechte darf man nicht aufgeben. Das verkörpern wir mit dem Goethe-Institut. Wir schaffen Orte, an denen man sich begegnen kann, an denen man sich austauschen kann. Wir unterstützen Menschen in der Zivilgesellschaft, die sich für den Erhalt demokratischer Werte einsetzen. Kunst kann dabei auch als Katalysator dienen, um begreif-bar zu machen, was diese tektonischen Verschiebungen in der politischen Welt bedeuten. Unsere Aufgabe ist daher poli-tischer geworden, aber ich sehe einen großen Wert darin, dass wir etwas zu einer freien Gesellschaft beitragen kön-nen.
Sie sprechen von unterschiedlichen Wertvorstellungen, aktuell sogar einer Zeitenwende, mit der sich das Goethe-Institut konfrontiert sieht. Können Sie das erläutern?
Ein konkretes Beispiel ist die Eröffnung des Goethe-Instituts in der Republik Moldau im Januar. Die Hauptstadt Chișinău liegt drei Autostunden von Odessa ent-fernt. Der Angriffskrieg auf die Ukraine ist sehr nah. Die Republik Moldau hat 2023 die Beitrittsverhandlungen zur EU begonnen. Das ist ein wichtiger Prozess. Es gibt aber sehr viel widerstreitende Kräfte, weil der alte Gedanke der Sowjetunion noch in Teilen der Bevölkerung virulent ist. Die Hälfte der Bürger*innen spricht Russisch, die andere Rumänisch. Moldau hatte früher 5 Millionen Einwohner und jetzt nur noch 2,5 Millionen. Die Entscheidung für Europa braucht daher eine starke Unterstützung durch Deutschland und durch die EU, um diesen Weg erfolgreich zu meistern. Wir haben mit dem neuen Goethe-Institut ein Zeichen gesetzt. Es wurde begeistert aufgenommen, dass das Institut hier öffnet, um gemeinsame europäische Kulturprogramme zu initiieren. Wir wollen durch Sprachvermittlung auch weitere Türen nach Europa und Deutschland öffnen. Unser Engagement dort macht einen Unterschied, wir können viel bewirken. Das ist ein Zeichen für die Zeitenwende und unsere Reaktion darauf.
Ein anderes Beispiel: Ich war kürzlich in Budapest, wo wir eine Veranstaltung zum Thema Journalismus und Pressefreiheit durchgeführt haben. Das Thema ist in Ungarn gerade sehr aktuell, viele freie Journalisten stehen unter Druck. Das bedeutet eine große Herausforderung für die europäische Demokratie und den Zusammenhalt. Auch dort konnten wir ein Zeichen setzen. Anlässlich des „Free Me-dia Awards“ haben wir mit Journalisten und Journalistinnen gesprochen, um einen Raum zu schaffen, klar zu machen, dass wir für Europa und für die Freiheit stehen. Es kamen 300 Leute, der Saal war voll. Das sind sehr konkrete Beiträge, die wir leisten können, die wahrgenommen werden. Dass man sich nicht in sein Schicksal ergeben muss, sondern dass man Freunde in Europa und Deutschland hat. Auch das sind Reaktionen auf die Zeitenwende.
Deutschland steht aktuell unter starkem politischem Druck – durch den Krieg in der Ukraine, den Aufstieg der extremen Rechten und eine fragile Regierungskoalition. Wie kann man damit umgehen?
Wir sind in der auswärtigen Kulturpolitik engagiert. Unsere Arbeit ist geprägt von Krisenregionen. Im Nahen Osten haben wir ein Institut in Ramallah, ebenso in Jerusalem und in Tel Aviv. Wir haben in Kiew ein Institut, das trotz des Krieges geöffnet hat. Wir sind in Vietnam präsent, wo Meinungsfreiheit ein großes Thema ist. Da sammeln wir viele Erfahrungen, was es bedeutet, in solchen Kontexten zu arbeiten. Wir nehmen auch wahr, wie teilweise in Ländern das Kultursystem sehr strategisch umgebaut wird. Bestimmte Positionen werden als erstes neu be-setzt und die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit werden eingeschränkt.
Da sind Erfahrungen, die wir zurückspielen nach Deutschland in die Zivilgesellschaft, aber auch in die Politik – was sind die ersten Anzeichen, dass etwas aus der Balance gerät? Wie reagiert man darauf, was muss man antizipieren, wie muss man sich resilient aufstellen? Das sind wichtige Erkenntnisse, die wir aus unserem Netzwerk zurückspielen.
Für Sie sind Kunst und Kultur tragende Säulen einer offenen Gesellschaft. Sie zitieren allerdings auch Hartmut Rosa, der davon ausgeht, dass Resonanz nicht plan- oder programmierbar ist, also unverfügbar bleibt. Spricht Sie dieser Gedanke besonders an – und warum?
Ja, ich bin begeistert von seinen Schriften und Gedanken. Ich glaube, diese Unverfügbarkeit ist ein sehr wichtiger Gedanke. Man kann Situationen schaffen, man kann einladen zur Resonanz, aber man kann sie nicht erzwingen. Man kann nicht über Kunst und Kultur verfügen. Es prägt unser Verständnis, welche Rolle Kultur spielen kann. Wir müssen immer den Grundsatz schützen, dass Kunst und Kultur frei sein müssen. Das heißt, dass sie nicht instrumentell gedacht werden dürfen. Wir können den Raum öffnen, einladen für Kunst und Kultur, für Austausch von Positionen. Kunst und Kultur sind aber auch unbequem oder kritisch. Manchmal stören sie uns in unseren eingeübten Gedanken und Positionen. Diese Störungen, diese Reize brauchen wir. Es ist wichtig, zu begreifen, dass das Demokratische daran der Freiraum ist. Eine Resonanz, die ermöglicht wird durch das, was geschaffen wird. Das hat Rosa so treffend beschrieben.
Sie betonen die Bedeutung der Zusammenarbeit europäischer Kulturinstitutio-nen. Wie sehen Sie das vor dem Hinter-grund des europäischen Projekts insgesamt?
Ich bin überzeugt, dass die geopolitischen Herausforderungen es erfordern, dass wir stärker europäisch zusammenarbeiten. Wenn es in der Vergangenheit so war, dass die kulturelle Identität des einzelnen Landes das Wichtigste war, ist es heute wichtiger, sich bei aller kulturellen Vielfalt zusammenzuschließen. Ich glaube, sich unterzuhaken und dann gemeinsam eine europäische Botschaft in der Welt zu vertreten, ist gerade jetzt sehr wichtig, um das demokratische Projekt zu stärken. Wir haben, wie im Aachener Vertrag vereinbart, gemeinsam mit unseren französischen Partnern deutsch-französische Kulturinstitute gegründet, die sogenannten Kultur-Ensembles. In diesem Jahr stehen weitere Gründungen in Córdoba in Argentinien, Glasgow in UK und Bischkek in Kirgisien an. Kultur-Ensembles sind gemeinsame Häuser oder auch gemeinsame Programmelemente und europäische Initiativen, die ein sehr lebendiges Gesicht von Europa zeigen. Das ist mir sehr wichtig. Und da sind wir bereits auf einem sehr guten Weg. Das wäre auch mit anderen europäischen Kulturinstituten denkbar, wie dem Instituto Cervantes oder dem British Council. Mit ihnen gibt es bereits an vielen Standorten eine enge Zusam-menarbeit.
Manche Menschen sehen in Migration vor allem Armut und Probleme, andere dagegen Zukunft und Jugend. Wie ist Ihre persönliche Einschätzung?
Ich finde, dass in Deutschland die öffentliche Debatte leider gerade sehr das erste Bild vermittelt, also die problematische Seite von Migration betont. Aber wir müssen natürlich auch die positiven Seiten sehen: wir brauchen Migration, wir brauchen Menschen aus aller Welt, die in unser Land kommen – zum Studieren, als Fachkräfte, als Freunde. Der demografische Wandel wird das noch verschärfen. Insofern ist wichtig, diese positive Seite und die Zukunftsfähigkeit zu betonen. Das ist etwas, was ich im Goethe-Institut erlebe. Wir haben im Rahmen der Fachkräftestrategie der Bundesregierung Fokusländer wie Indien, Kolumbien oder Mexiko, mit denen wir Abkommen und beson-dere Programme haben, um Menschen, die als Fachkräfte nach Deutschland kommen wollen, beim Prozess begleiten. Es ist wichtig, dass Zuwandernde gut vorbereitet sind, um erfolgreich in Deutsch-land anzukommen und langfristig zu bleiben, zum Beispiel mit Willkommenscoa-ches und Infohäusern, die Anlaufstellen für neuzugewanderte Fachkräfte sind. Gleichzeitig finde ich, dass wir an der Willkommenskultur in Deutschland noch weiterarbeiten müssen. Da ist noch Luft nach oben. Dazu würden wir gern beitra-gen, um viele junge, gut ausgebildete Leute zu attrahieren.
Wenn Sie heute Donald Trump gegen-überstünden – was würden Sie ihm sagen?
Ich würde ihm gern sagen: Die USA war immer einer unserer wichtigsten Partner, die deutsch-amerikanische Freundschaft war immer etwas, zu dem ich aufgeschaut habe. Welche große und wichtige Rolle die USA in der Geschichte Deutschlands als Freund gespielt haben! Ich wünsche mir, dass diese Freundschaft weiter besteht. Und ich würde ihn bitten, dass er sich daran erinnert.
Im April wird in Katalonien Sant Jordi, das Fest des Buches gefeiert. Haben Sie eine Buchempfehlung für unsere Leserinnen und Leser?
Eins hat mich in letzter Zeit sehr beschäftigt: Ein Essay von Hannah Arendt „Die Freiheit frei zu sein“. Sie hat ihn in den 60er Jahren geschrieben, ist aber erst kürzlich breit veröffentlicht worden. Sie beschreibt, welche Voraussetzungen Freiheit braucht. Freiheit kann man nicht einfach herstellen. Man braucht dafür gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Freiheit ist etwas, das man als Bürgerin und Bürger aktiv gestalten und ergreifen muss, da es diese Möglichkeit bietet und unter Umständen auch erkämpft werden muss. Das hat mich sehr beeindruckt. Die Lektüre hat mir große Freude gemacht.
Ein anderes Buch ist „Der Meister und Margarita“ von Michael Bulgakov. Eine faustische Geschichte. Der Teufel kommt nach Moskau. Da wird ganz bedrückend beschrieben, welche Strategien dieser teuflische Mensch anlegt, um die Bevölkerung zu verändern. Eine sehr kluge Analyse, wie man eine Gesellschaft auseinandernimmt. Das hat viele aktuelle Bezüge, deshalb interessiert es mich.
Wann dürfen wir Sie wieder in Barcelona begrüßen?
Darauf habe ich große Lust. Der Besuch im November war sehr inspirierend: ein Gespräch mit unglaublich engagierten Wirtschaftsvertretern, im Design-Hub eine sehenswerte Ausstellung über das Design in Chile und viele Gespräche mit Kulturschaffenden. An einem Tag habe ich einen ersten Einblick gewonnen und die wunderbaren Kolleg*innen des Goethe-Instituts kennengelernt. Ich bin sehr angetan von der Dynamik und der Jugend der Stadt, dieser Frische. Man merkt, dass in Barcelona viele Zukunftsvisionen realisiert wurden. Die Stadt steht für eine tolle Vision von Europa.
Vielleicht kommen Sie dann bei unserem Klub Hannah vorbei, den wir dank der Leiterinnen und Leiter des Goethe-Instituts seit 2017 abhalten.
Ja, sehr gerne. Toll, dass Sie das machen. Genau so etwas brauchen wir und dafür wollen wir als Goethe-Institut ein Ort sein.
Frau Prof. Joost, wir danken Ihnen für das sehr anregende Gespräch.
Von Ina Laiadhi, Mitte Februar 2026
Infos
Goethe Institut Barcelona
Carrer de Roger de Flor, 224, BCN
Tel. 93 2926006

Schlagwörter: Frauen
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