Sant Jordi 2026: Rebekka Reinhard: Die Zentrale der Zuständigkeiten
Die Ansprüche an Frauen steigen stetig, auch und vor allem die eigenen an sich selbst. Eine Frau will, soll, muss so vieles sein – und verliert dabei manchmal sich selbst. Hinzu kommen strukturelle Probleme, die individualisiert werden und jeder Frau einzeln in die Schuhe geschoben werden.
„Wer willst du sein?“ lautet die gleich eingangs von Rebekka Reinhard gestellte Leitfrage. Sie nennt in ihrem Buch „Die Zentrale der Zuständigkeiten“ (Ludwig Verlag München, 2022) zwanzig Überlebensstrategien für Frauen. Der Text ist unheimlich dicht geschrieben. Viele Frauen werden sich – zumindest in Teilen – sofort wiedererkennen. Vor allem aber appelliert das Buch an die Solidarität unter Frauen. Es geht nämlich um das Frausein an sich, ganz gleich, ob als Mutter oder als Frau ohne Kinder. Denn auch Nicht-Mütter sind von Erwartungen an sie als Frauen betroffen, die das Leben anstrengender machen.
Reinhard konstatiert, dass sie im Frühjahr 2020 durch die Corona-Pandemie begriffen habe, wie sehr die Familien in Deutschland „auf Kante genäht“ seien. „In dieser Zeit bekam ich eine irre Wut“, schreibt Reinhard in Kapitel 5. „Das Covid-19-bedingte zusätzliche Planen, Organisieren, Koordinieren, Wa-schen, Putzen, Kochen, Schleppen, Hausaufgabenbetreuen, Zur-Ordnung-Rufen, Streitschlichten betraf mich nicht. Im März 2020 kapierte ich, dass meine Wut nicht nur meine eigene Wut war. Es war vor allem auch die Wut von Frauen, die es sich nicht leisten können, wütend zu sein, weil sie noch die Wäsche machen müssen und die Matheaufgaben oder noch schnell zum Supermarkt und in die Drogerie und weil ihr Mann nämlich noch zoomen und früh schlafen gehen muss, weil er mehr verdient als sie.“
Sie fordert alle, die genügend Zeit dafür haben, die Wut stellvertretend hinauszubrüllen, denn „die Zentrale der Zuständigkeiten kann nicht endlos rotieren, irgendwann gibt auch die leistungsstärkste den Geist auf.“ Reinhard schreibt, es gehe nicht darum, den Männern die Schuld zu geben. Stattdessen sieht sie Rollen-bilder, Stereotypen und Machtverhältnisse, die seit Jahrhunderten über die Verteilung von Privilegien und Pflichten bestimm-ten und in Wirtschaft und Sozialstaat weiterhin Bestand hätten (Ehegattensplitting, kostenlose Mitversicherung in der Kranken-kasse) als Treiber der Ungleichheit.
Vielleicht hilft ja die Lektüre der „Zentrale der Zuständigkeiten“, sich dieser strukturellen Ungleichheit bewusst zu werden, sich von der individuellen Schuld „nur ich bekomme es nicht hin“ zu befreien und vor allem unter Frauen ein bisschen solidarischer zu sein. Das Buch sei übrigens auch Männern empfohlen!
Von Verena Striebinger, April 2026
Infos
Rebekka Reinhard: Die Zentrale der Zuständigkeiten, 240 S Ludwig, 18€
Schlagwörter: Frauen
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