Sinn, Geschichten und Europas Rolle: Der Fresh-Talk

Josep Borrell im Gespräch mit Jesus Peinado, foto: laiadin
Im März lädt Jesús Peinado, Geschäftsführer von Gemüsering Iberia, traditionell zu seinem sogenannten Fresh-Talk ein. „Noch ein Talk?“, mag man sich fragen. Doch wer einmal dabei war, weiß: Es geht hier um weit mehr als eine weitere Vortragsveranstaltung.
Rund 200 Gäste – Freunde, Lieferanten, Kunden und Wegbegleiter – folgten in diesem Jahr der Einladung nach Zona Franca. Peinado versteht den Abend als Plattform für Austausch über Unternehmensführung, gesellschaftliche Verantwortung und die Frage, was Menschen und Unternehmen eigentlich antreibt. In Zeiten großer Unsicherheit ist diese Vernetzung für ihn eine Herzensangelegenheit.
Den Auftakt des Abends gestaltete José Maria Cervera, Coach und enger Freund von Peinado. Sein Thema: gute Führung. Seine zentrale Botschaft: Menschen brauchen einen „propósito“, einen Sinn – im Beruf wie im Privatleben. Begriffe, die oft sinnentleert gebraucht werden, müssten wieder mit echter Bedeutung gefüllt werden. Respekt, Empathie, Resilienz und Transparenz seien keine Schlagworte, sondern gehörten zu einer ausgewogenen Unternehmensführung, damit das Vertrauen in gemeinsame Werte – „Warum stehe ich eigentlich morgens auf und renne zur Arbeit?!“ – erhalten bleibt und Sinn stiftet.
Der prominenteste Gast des Abends war der europäische Politiker Josep Borrell. Er hatte ursprünglich einen umfangreichen Vortrag über Europas Rolle in einer zunehmend komplexen geopolitischen Lage vorbereitet – mit Charts, Zahlen und Analysen. Doch er passte sich der Stimmung zu einem philosophischen Dialog im Raum an. Ironisch gab er an, noch nicht klar zu haben, was sein „propósito“ letztendlich sei.
Zum Einstieg erzählte er also eine Anekdote aus den 1980er-Jahren. Bei einem Besuch in Kuba traf er in einer abgelegenen Bergregion auf einen Bauern, der aus Tropenholz ein kunstvoll verziertes Besteck schnitzte. Beeindruckt von der Arbeit wollte Borrell sofort eine Win-win-Situation schaffen und fragte den Mann, ob er ihm ein Dutzend solcher Bestecke anfertigen könne. Der Bauer wunderte sich, wofür er so viele brauche. Borrell erklärte, er lade oft Freunde zum Dinner ein und würde damit den Tisch gern schmücken. Selbst ein Angebot von fünf Dollar pro Paar überzeugte den Bauern nicht. Stattdessen antwortete er gelassen: Wenn er dieses eine Besteck fertiggestellt habe, müsse er zu seinen Freunden zum Kartenspielen gehen. „¡Hay más vida que tiempo!“ – Es gibt mehr Leben als Zeit. Wohl wahr!
Von dort aus nahm Borrell das Publikum mit auf eine Reise durch seine eigene Laufbahn: vom Beamten in der Finanzverwaltung über seine Zeit als Minister für Infrastruktur, Umwelt und Verkehr in der Regierung von Felipe González bis zu seiner Rolle als EU-Außenbeauftragter. Seine Analyse der aktuellen Weltlage war klar: Europa befinde sich geopolitisch in einer komplexen Phase. Der Krieg im Nahen Osten, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die wachsenden Spannungen zwischen Großmächten stellten den Kontinent vor enorme Herausforderungen, auf die wir uns nur ungenügend vorbereitet haben. Dennoch lebe Europa, so Borrell, noch immer auf einer „Insel der Glückseligkeit“. Weltweit gebe es nur noch etwa fünf Prozent an Staaten, die als stabile, funktionierende Demokratien gelten könnten – Länder, in denen Institutionen tatsächlich im Sinne des Gemeinwohls arbeiten. Konkrete Rezepte oder politische Handlungsanweisungen gab er nicht. Stattdessen regte er zum Nachdenken an. Die lebhafte Diskussion setzte sich später beim Catering fort. Sicher ist mehr als eine gute Idee entstanden. So blieb vor allem eine Botschaft im Raum stehen: Wer etwas verändern will, braucht zuerst ein Ziel – oder, wie man auf Spanisch sagt, einen „propósito“. Wer seinen persönlichen Sinn gefunden hat, findet leichter den Weg dorthin.
Dank an Jesus Peinado und seine Frau Birgit Zondler für diesen inspirierenden Abend. Wir werden versuchen auf der Höhe zu sein. Die Sanduhr wird uns daran erinnern: ¡Hay más vida que tiempo!
Von Ina Laiadhi, April 2026
Infos
*Der Gemüsering, 1985 in Deutschland gegründet, bewegt Ware seit 2015 auf dem iberischen Markt– direkt von den Produzenten, mit Fokus auf Frische, Qualität und Nachhaltigkeit.
Schlagwörter: Europa
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