Editorial Nr 176: Quadrate, Fächer, Hufeisen
Von Ina Laiadhi, Chefredakteurin, Juni 2026
Die Redaktion wollte diese Ausgabe einem Dossier zur Baukunst widmen, zumal Barcelona im Jahr 2026 mehr denn je im Zeichen der weltweiten Architektur steht. Doch unsere Redakteurinnen und Redakteure haben sich schließlich dafür entschieden, vor allem die Beiträge von Künstlern aus unserer Region in den Vordergrund zu stellen. Wir erwähnen daher nur einige architektonische Werke, neben vielen anderen, die es verdient hätten, vorgestellt zu werden. All dies fiel mit einer Reise zusammen, die mich in verschiedene europäische Städte führte – Orte, die sowohl durch ihre Stadtplanung als auch durch ihre historische und sich wandelnde Mischung aus Nationen, Religionen und industrieller Entwicklung faszinieren. Manche ihrer städtebaulichen Konzepte hätten durchaus als Vorbild für den Barcelonesen Cerdà dienen können.
Bereits im 16. Jahrhundert wollten Regenten und Fürsten ihre Macht und Größe demonstrieren und initiierten selbst bei klammen Kassen außergewöhnliche Stadtplanungen. Mann-heim etwa lädt mit seinem zweitgrößten Barockschloss Euro-pas zu einer Reise durch die Geschichte mitteleuropäischer Fürstenhäuser ein. Die von Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz beauftragte „Quadratestadt“ ist für ihre schachbrettartig angelegte Innenstadt bekannt: Statt Straßennamen orientiert man sich hier an Bezeichnungen wie „E5“ oder „U1“. 1886 steuerte Bertha Benz hier das erste Automobil. Nach einem Rundgang entlang der rund 50 Murals des Projekts Stadt.Wand.Kunst, die die strengen Bauten der 1960er-Jahre zum Strahlen bringen sollen, schmeckt das hier erfundene legendäre Spaghetti-Eis umso besser.
Nicht weit entfernt liegt Karlsruhe – die hohe Burg des deutschen Rechts. In der Nähe des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs regen beinahe unscheinbare Pla-kate an Masten zum Nachdenken über Demokratie an. Das Schloss, derzeit leider wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen, bildet den Ausgangspunkt einer fächerförmigen Straßenstruktur, sodass sein Turm immer wieder im Blickfeld erscheint.
Besançon, bereits von Julius Cäsar erwähnt und als römische Festungsstadt genutzt, war später Zentrum der französischen Uhren- und Textilindustrie. Die „grünste Stadt Frankreichs“ verbindet eine historische Altstadt mit der beeindruckenden Vauban-Zitadelle. Hufeisenförmig schmiegt sie sich an den Fluss Doubs, bewahrt einen römischen Triumphbogen und ist zugleich die Geburtsstadt Victor Hugos, der sagte: „Die Archi-tektur ist das große Buch der Menschheit. Sie ist Ausdruck menschlicher Kraft und Intelligenz zugleich.“ Hugo sah die Architektur als lebendiges Gedächtnis der Zivilisationen.
Lassen wir uns immer wieder davon inspirieren, achtsam und aufmerksam durch die Straßen unserer eigenen oder besuchter Städte zu gehen.
Schlagwörter: Europa
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