LAMEBA 2.0: Mit dem Rücken zum Meer

Stadtspaziergang von Walter Schels 1958 zum Hafen, Foto: Walter Schels
Von Michael Ebmeyer, Juli 2026
Eins der traurigsten Schlagworte zu Barcelona unter der Franco-Diktatur lautet: Die Stadt hatte sich vom Meer abgewandt. Heute schwer vorstellbar, oder? Ein Barcelona, das sich verkriecht, sich verkapselt, sich zurückzieht von seiner größten Sehnsucht, von seiner Öffnung zur Welt. Die Antwort auf das »nationalkatholische« Joch, diese entsetzliche Zumutung für die Mondäne, die Freiheitsliebende, die Feuerrose.
Heute schwer vorstellbar? »Barcelona, posa’t guapa!« Das bedeutete, als der Alptraum vorbei war und die Rose sich von neuem entfaltete, ganz wesentlich auch, dass sie sich dem Meer wieder zuwandte. Als ich sie 1995 kennenzulernen begann, war sie das, was der Titel einer wenige Jahre zuvor gegründeten und im stadteigenen Verlag herausgegebenen Zeitschrift verhieß: eine Mittelmeer-Metropole.[1] An Land eine Pracht, zum Wasser hin eine Wonne.
Und ist Barcelona seitdem nicht maritimer denn je geworden, mit all den hübschgemachten Stränden, die sich bis Sant Adrià de Besòs aneinanderreihen, mit dem Halligalli am Hafen, mit der vibrierenden Barceloneta, mit den Kreuzfahr… ? Oh, nun hätte ich fast ein Wort geschrieben, das alles kaputt macht.
Wenn ich heute dieses Foto aus finsteren Zeiten betrachte, vom seeseitigen Rand des Port Vell aus aufgenommen, die offene See im Rücken, Blickrichtung Stadt, mit dem Turm Jaume I im Zentrum und dem Montjuïc zur Linken, werde ich wehmütig. Und mich beschleicht ein ketzerischer Gedanke: dass Barcelona sich wieder vom Meer abgewandt hat.
Vor den hübschgemachten Stränden erinnern Plaketten an ein Leben mit dem Meer. Aber wer außer mir schaut sich diese Tafeln in Ruhe an? Der Kontrast zwischen der Platja del Somorrostro und der früheren Barackensiedlung, deren Namen sie trägt – Geburtsort der legendären Flamencotänzerin Carmen Amaya und Hintergrund von Gerda Taros ikonischem Foto Republikanische Milizionärin in Barcelona aus dem Jahr 1936 –, könnte nicht größer sein.
Die Stadt scheint ihre Küste den Geschäftemachern und den ganzjährig wimmelnden guiris überlassen zu haben, den enthemmten Enthemdeten aus käsigen Gefilden, den Heeren aus den Bäuchen der Riesenschiffe. Während sie landwärts gegen Verdrängung und Ausverkauf zähen Widerstand leistet (oft scheint er aussichtslos, doch dass es ihn noch gibt, zeigt, dass er nicht vergebens ist), kehrt sie dem Meer den Rücken. Vielleicht lässt sich das bis auf Weiteres nicht vermeiden.
Allerdings habe ich in den letzten Jahren die kühlen und feuchten Tage in Barcelona schätzen gelernt. Bei schlechtem Wetter ist das Meer noch zu haben.
[1] Barcelona. Metròpolis Mediterrània, Ajuntament de Barcelona 1986-2007; danach weitergeführt als Barcelona Metròpolis.
Michael Ebmeyer
geriet durch eine Verkettung glücklicher Zufälle 1995 als Erasmus-Student nach Barcelona. Seither findet er immer Gründe, um dort so viel Zeit wie möglich zu verbringen. Er hat Romane wie »Plüsch«, »Der Neuling« (fürs Kino verfilmt als »Ausgerechnet Sibirien«) und »Landungen« veröffentlicht, zudem Sachbücher wie »Revolte. Zur Aktualität einer Idee« (mit Roland Schappert), »Nonbinär ist die Rettung. Ein Plädoyer für subversives Denken« und die »Gebrauchsanweisung für Katalonien«. Als Übersetzer gibt er u.a. Najat El Hachmi, Jordi Puntí und Ennatu Domingo eine deutsche Stimme.
Walter Schels, Retropektive zum 90. Geburtstag
https://www.arte.tv/de/videos/133869-000-A/walter-schels-retrospektive-bei-c-o-berlin/
LAMEBA 2.0: Es geht weiter
Im Herbst 2024 erschien in der edition esefeld & traub der von Ronald Grätz herausgegebene dreisprachige Band „LAMEBA –Mein Barcelona“, ein Stadtlesebuch mit Beiträgen von fast 70 Autorinnen und Autoren, die ihre ganz persönliche Sicht auf Barcelona teilen. Gemeinsam mit dem TaschenSpiegel führen wir dieses besondere Projekt weiter: In jeder Ausgabe erscheint ein neuer Beitrag, der zugleich auf der Verlagswebsite nachzulesen ist.
https://www.edition-et.de/LAMEBA22@0!/index0d.htm
Neueste Beiträge:
https://www.edition-et.de/LAMEBA22@0!/beitraege.htm
Schlagwörter: LA MEBA
Share On Facebook
Tweet It

























