Ein Mann, eine Insel… oder auch zwei

Kein Märchen: Ein bisher unveröffentlichtes Buch von Bestsellerautor James Krüss über den Fortschrittswahn der Menschen
Ein Mann, eine Insel… oder auch zwei
Von Kati Niermann, September 2026
James Krüss wäre im Mai dieses Jahres hundert Jahre alt geworden. Da hätte er sicher groß gefeiert, einen Leierkasten geleiert, ein großes Fest ausgerichtet und über die Gäste gedichtet, mit Menschen jubiliert und gelacht und vielleicht einen Hummersalat gemacht…
Leider ist es dazu nicht gekommen, denn der geborene Helgoländer ist bereits mit 71 gestorben in seiner spanischen Wahlheimat auf Gran Canaria.
Das Norddeutsche ist ihm in die Wiege gelegt, man sah es ihm an, wettergegerbt mit Plümmelmütze auf dem Kopf. Die Kindheit auf Helgoland hat ihn geprägt. Mit der eigenen, nur von wenigen Leuten gesprochenen Sprache, dem Friesischen, und der Abgegrenztheit auf der Insel waren ihm Wortspiele und Phantasie zwei großartige Verbündete. Er hat wohl Zeit seines Lebens das Heimatgefühl auf dieser Insel vermisst. Erst kinderlandverschickt, dann in der Armee, freiwillig, in der NSDAP auch freiwillig aus Überzeugung. Auf dem Rückweg aus dem Krieg wird er ernüchtert, vom jugendlichen Nationalsozialisten geläutert. Er verarbeitet diese Erfahrungen später in seinem Roman „Der Harmlos“. Doch auf die Insel kann er nicht zurück, die war durch britisches Bombardement zerstört. Von Hamburg aus veröffentlicht er mehrere Jahre eine Zeitschrift für die verstreut lebenden Helgoländer.
Kindheit und Insel blieben seine zentralen Themen. Er studiert auf Lehramt, wird aber kein Lehrer. Er schreibt lieber, bleibt aber den Kindern treu. Sein erstes Kinderbuch erscheint 1956 „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“. Die Geschichte um Leuchtturmwärter Johann und seine Freundin, die Möwe Alexandra ist so erfolgreich, dass 5 weitere Bände folgen.
Unzählige Kinderbücher und -gedichte folgen. Unermüdlich, so scheint es, arbeitet sich Krüss durch die gesamte Tierwelt (viele kennen die „Weihnachtsmaus“, die immer wieder gern für den Weihnachtsmann zitiert wird) und philosophiert über die Persönlichkeiten unzähliger Verkehrsmittel: vom Bus über die Bimmelbahn bis zum U-Boot.
Sein Spiel mit Klang und Rhythmus, sein Wortwitz und das positive Weltbild, das er vermittelt, macht seine Bücher so kindgerecht. Er erzeugt Spannung und Lachen und lässt sich darauf ein, die Welt mit Kinderaugen einzufangen. Das Buch „Mein Urgroßvater und ich“ trägt ihm 1960 den Deutschen Jugendbuchpreis ein. Doch sein wohl bekanntestes Werk ist die Geschichte von „Timm Thaler“ und dem verkauften Lachen. Aktueller denn je, möchte man es der zukünftigen Generation von Influencern ans Herz legen, die ihr Lachen für ein bisschen Ruhm auf Tiktok und Instagram verkaufen. Es ist kaum zu glauben, dass Krüss dieses Buch bereits 1962, lange bevor man sich soziale Medien überhaupt vorstellen konnte, verfasst. Da wohnt er schon in Bayern, von wo aus er weite Reisen unternimmt. Jetzt ist er berühmt, schreibt für Funk und Fernsehen, tritt selber auf und moderiert. Von der Kindersendung „Jenny und Jonny“ mit Texten von Krüss, vertont und gesungen von Udo Jürgens erscheint eine LP. Die Verfilmung von „Timm Thaler“ mit Tommi Ohrner in der Hauptrolle macht Krüss endgültig für fernsehende Kinder zur Legende. Es ist bunt und trubelig in Krüss Leben, wie in seinem Gedicht über die Küken.
Nach Spanien ist er eher leise gegangen, als ihm der Rummel in Deutschland zu viel wird. Hier kauft er sich ein Häuschen und kann mit seinem Lebensgefährten, dem Tänzer Dario Perez über 30 Jahre das Leben führen, das ihm in Deutschland als Person der Öffentlichkeit verwehrt gewesen wäre. Er bleibt produktiv und populär, lebt allerdings deutlich ruhiger, nun doch wieder auf einer Insel, aber einer wärmeren. Seine letzte Asche jedoch wurde vor Helgoland im Meer verstreut. Hier fand der Mann, der sich selbst als Inselmensch bezeichnete, seine letzte Ruhe.
Posthum übergaben zu seinem 75. Geburtstag 2001 seine Erben seinen gesamten Nachlass der Internationalen Jugendbibliothek in München, wo ein großer Teil im James-Krüss-Turm ausgestellt wird.
Zu seinem 100. Geburtstag nun wurde der Text „Die Haiteks“ veröffentlicht, der in seiner Parallele zur heutigen KI zeigt, dass Krüss Werk nichts an Aktualität eingebüßt hat.
Noch heute kann man Krüss für sich entdecken, es scheint, dass er für jeden ein Gedicht verfasst hat. Für mich ist es sein Gedicht über das Feuer, das züngelt und ringelt. Aus.
Infos
James Krüss: Die Haiteks
Verlag Oetinger,
64 Seiten, 2026, 20€
Schlagwörter: Biografisches, Kultur Literatur, Literatur
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