Buchtipp: Die rote Köchin
Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus
Von Gabriele Jahreiß, Juli 2026
Die rote Köchin ist Hannah R. Wir kennen nur ihren Vornamen und den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens. Der Autor ist anonym, beschreibt aber in der sehr plausibel klingenden Vorgeschichte, wie er an die Unterlagen zu dem Buch kam. Er sollte im Auftrag bei einer Kunsthändlerin in Ascona eine Zeichnung von Paul Klee erwerben. Die Zeichnung kam aus dem Nachlass von Hannah R. und die Kunsthändlerin war deren Enkeltochter, die auch im Besitz der handschriftlichen Dokumente und Kochrezepte ihrer Großmutter war. Aus diesem ersten Treffen und den weiteren Gesprächen muss die Idee entstanden sein, die Aufzeichnungen von Hannah R. zu einem Buch zu verarbeiten.
Was machen die Aufzeichnungen von Hannah R. so bemerkenswert? Sie war eine Spartakistin und Revolutionärin, die wie viele junge Menschen nach dem I. Weltkrieg von einem sozialistischen Land träumte und das Land nicht den Reaktionären und immer stärker werdenden Faschisten überlassen wollte. Sie war aber auch eine Schülerin des schon damals berühmten Malers Paul Klee am Bauhaus in Weimar und sie war eine begnadete Köchin. Als Köchin verdiente sie Geld mit betuchten Restaurantbesuchern. Dieses Einkommen gab sie für den bewaffneten Kampf aus. Ihre ausgefallenen Rezepte, von denen sich immerhin 83, in dem gut 200 Seiten umfassenden Buch wiederfinden, waren nicht für die zahlungskräftige Klientel bestimmt. Vielmehr wollte sie, dass auch das Proletariat in den Genuss ihrer Speisen kam und so zumindest eine kulinarisch soziale Gerechtigkeit entsteht.
Hannah R. hat ihr Buch, wie für eine Köchin üblich in Vorspeise, Hauptspeise und Dessert unterteilt. Diese drei Hauptkapitel sind in viele Unterabschnitte aufgeteilt, die sehr verdichtete Geschichten aus Kunst, dem Bauhaus, der Kultur, Politik und dem revolutionären Kampf berichten und immer mit einem Rezept enden, das sehr sorgfältig ausgewählt wurde und zu der geschilderten Begebenheit passt.
Das Buch ist ein literarisches Kleinod. Es klingt erstaunlich modern, obwohl es bereits 100 Jahre alt ist. Die vielen kleinen Geschichten sind spannend. Sie lassen uns hinter die Fassade des Bauhauses blicken, am Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus teilhaben und in eine heute teilweise schon vergessene Kulinarik eintauchen. Ist die rote Köchin eine reale Person, die mit Ihren Freunden für soziale Gerechtigkeit kämpfte und mit den Größen aus Kunst und Kultur zusammentraf? Diese Frage lässt sich nicht endgültig beantworten. Real sind aber die Kochrezepte, die man mit Genuss liest.
Infos
Anonym, Die rote Köchin, Ventil Verlag, Broschur, mit Abb. 224 Seiten, 18,50 €(D)
Schlagwörter: Kochkunst
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