Editorial 173: Wohin geht der Journalismus?

Reporteros sin fronteras: Weltweite Einschätzung
Als ich kürzlich den Bericht von „Reporter ohne Grenzen 2025“ las, musste ich an ein Buch von Ryszard Kapuściński denken, das mich schon vor Jahren beeindruckt hat. Darin werden jene Eigenschaften beschrieben, die großen Journalismus ausmachen: ein präziser Blick, sorgfältig gewählte Worte, wacher Verstand, lebendiger Stil, kritische Ironie und Humor. Umso alarmierender wirkt der aktuelle Bericht. Eine neue rote Linie ist überschritten: Die Rückschritte bei der Pressefreiheit betreffen inzwischen auch demokratische Staaten. Im Ranking gibt es weltweit nur noch sieben Saaten, die das Prädikat „Gut“ erhalten, von 180. Das ist alarmierend, denn wer Journalistinnen und Journalisten angreift, greift das Gewissen einer Gesellschaft an. Journalistinnen und Journalisten mundtot zu machen, bedeutet immer, die Demokratie und das Recht auf Information zu bedrohen – jenes grundlegende Recht, das uns ermöglicht, die Welt um uns herum zu verstehen. Doch dieser Zugang zur Information leidet: wir stecken in Filterblasen fest, der Rückgang von Werbeeinnahmen erschwert unabhängige journalistische Arbeit, viele Medien gehören inzwischen superreichen Eigentümern, die ihre eigenen Interessen über journalistische Ethik und Informationsrechte stellen, und viele Medienschaffende kämpfen mit prekären Arbeitsbedingungen und können kaum noch von ihrer Arbeit leben. In diesem düsteren Panorama gibt es jedoch auch hoffnungsvolle Entwicklungen. Die Portale mit Faktenchecks politischer Aussagen und Adwatch bekommen eine hohe Relevanz. Frauen schließen sich in Initiativen wie ProQuote zusammen, um den Anteil weiblicher Führungskräfte in Redaktionen zu erhöhen. Institutionen wie die bpb (Bundesanstalt für politische Bildung) gehen voran und bieten – zumindest in Deutschland – seriös geprüfte Informationen zu gesellschaftspolitischen Themen an, abgesichert durch Expertinnen und Experten. Eine Qualität, die über das leicht zugängliche, aber nicht immer verlässlich belegte Wikipedia hinausgeht. Der Kampf der Journalistinnen und Journalisten ist nicht nur ihr eigener. Er ist unser aller Kampf für eine unabhängige Presse, für den Erhalt demokratischer Errungenschaften und gegen jene Extreme, die mit Fake News und Informationsblasen die öffentliche Meinung manipulieren. Es geht letztlich darum, eine Art Immunität zu entwickeln– gegen Angst, gegen Verzweiflung und, warum nicht, auch gegen die kleinen und großen apokalyptischen Stimmungen unserer Zeit. Trotz all dieser Unwägbarkeiten wünsche ich Ihnen zum Jahresende im Namen der Redaktion erfüllende Begegnungen mit Familie und Freunden sowie Mut und Zuversicht. Bewahren Sie Ihren Optimismus und Ihre Heiterkeit!
Von Ina Laiadhi, Chefredakteurin, Dezember 2025
Infos: /rsf.org/es
Schlagwörter: Kultur
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