Europa denkt – was denkt man über Europa?

Ángeles Espinosa und Navid Kermani diskutierten im Juni über europäische Politik, Foto: laiadina
Von Kati Niermann, Juli 2026
Im Rahmen der seit Jahren von den spanischen Goethe-Instituten fortgeführten Diskussionsreihe „Europa denkt“ warfen wir im Juni einen Blick auf „Europäische Perspektiven zu Konflikten und Kulturen unserer Nachbarn“. Die Diskussionsrunde fand in Zusammenarbeit mit den Amigos del Goethe Institut im Goethe Institut Barcelona statt.
Geladen waren Navid Kermani, der deutsche Journalist und Orientexperte mit iranischen Wurzeln, dessen Reisereport „Entlang den Gräben“ ihn 2018 von Deutschland über Polen, die Ukraine und Russland in den Iran führte und die Reporterin und Analystin Angeles Espinosa, eine der bekanntesten Stimmen Spaniens unter anderem für El Pais, wenn es um den Nahen Osten geht. Durch die Diskussion führte Moussa Bourebka vom CIDOB.
Kermani legte den Finger in die Wunde, dass Europa immer mehr vom Akteur und Vorreiter in die Rolle des Zuschauers und Beobachters abdriftet. Umgeben von 4 Kriegen in der Ukraine, Gaza, Iran und Sudan nutzen wir erstaunlich wenig Handlungspotential, prangert er an. Wir haben zwar mehr Informationen denn je, doch das Verstehen schwindet. Espinosa hakt ein, dass heute offensichtlich mehr Wert auf die Quantität der Informationen gelegt wird als auf die Qualität. Seit der Einführung des Satellitentelefons habe sich der Informationsfluss immens beschleunigt, was zu Lasten der Hintergrundrecherche gehe.
Kermani und Espinosa stellen die These auf, dass Europa im Nahen Osten besser bekannt ist und verstanden wird als andersherum. Kermani führt das auf eine Art kollektiven Narzissmus zurück. 90% der Weltbevölkerung mit ihren Krisen, Kriegen und Konflikten werden in 10% der täglichen Berichterstattung abgehandelt, der Rest sei selbstbezüglich.
Espinosa betonte, dass ihrer beider Expertisen nicht so sehr die Sicht aus Europa auf andere Länder, sondern vielmehr umgekehrt aus dem Nahen Osten auf Europa beträfe.
In Konfliktgebieten werden Werte wie das Völkerrecht und die Menschenrechte hoch angesehen. Doch im Moment sei es so, sagt Kermani, dass der „Westen“ Chancen verspiele, indem er doppelte Standards verwende. Wenn ein amerikanischer Präsident damit drohen darf, zivile Infrastrukturen anzugreifen, ein Volk auszulöschen, dann widerspreche das unseren Werten. Wenn wir rote Linien setzen und diese dann nicht einhalten oder verteidigen, verlieren wir an Glaubwürdigkeit, die eigentlich unser Kapital ist.
Die Diskussion zeigte auch Lösungen auf. So sei zwischen Nichteingreifen und Militärschlag eine große Bandbreite an Mitteln verfügbar, die Politik. Europa habe im Orient lange ein hohes Gewicht auf diplomatischer Ebene gehabt, dieses müsse zum Zuge kommen, um Konflikte zu lösen.Das Helfen in Konfliktsituationen außerhalb der europäischen Grenzen läge im eigenen Interesse, denn wo wir uns nicht engagieren, tun es andere und das nicht in unserem Interesse. Dafür muss der europäische Zusammenhalt gestärkt werden, denn einzeln hätten die europäischen Länder zu wenig Gewicht. Nationalismus schade da direkt auf nationaler Ebene.
Auch „der Westen“ sei im Auflösen begriffen, ein Prozess, der unumkehrbar sei. Hier müsse sich Europa neu positionieren. Das Publikum nahm viel Stoff zum Nachdenken mit nach Hause. Danke für die sehr gelungene Veranstaltung.

Schlagwörter: Europa, Moderne Welt
Share On Facebook
Tweet It































