Pau Casals: einer der größten Cellisten aller Zeiten
Von Ronald Grätz, Juni 2026

Pau Casal 1909 in einem Zeitungsbericht
Auf die Frage, warum er mit über 90 Jahren immer noch täglich vier bis fünf Stunden übe, antwortete Pau Casals – so ist es überliefert: „Weil ich den Eindruck habe, ich mache Fortschritte“. Das ist nicht einfach eine Antwort, es bringt eine Welt künstlerischen Suchens, selbstironischer Souveränität sowie die Ablehnung gesellschaftlicher Muster (z.B. von Altersmustern) zum Vorschein – und dies durchaus auch schelmenhaft.
Die Antwort entspricht der Lebenseinstellung Papst Johannes XXIII (Angelo Giuseppe Roncalli), der Zeit seines Amtes (1958-1963) ein Schild in seinem Zimmer hängen hatte: „Nimm Dich nicht so wichtig, Johannes“.
Es sind dies einfache und zugleich große Sätze – sie zeigen ein tief humanes Denken, eine Philosophie der Demut und die Weisheit zur Wahrheit. Casals und Johannes XXIII waren zwar Zeitgenossen, kannten sich aber nicht. Manchmal hat die Menschheit Glück, dass solche Menschen eine Stimme haben.
Wer war Pau Casals?
Es wurden unzählige Artikel zu seinem 150sten Geburtstag geschrieben (1876 El Vendrell – 1973 Puerto Rico). Ich will diese hier nicht redundant vermehren, sondern drei Aspekte herausgreifen, um den Menschen und Künstler Casals besser zu verstehen.
Der Auftritt vor den Vereinten Nationen am 24.Oktober 1971
Casals war damals 95 Jahre alt. Anlass seines Auftritts war die Verleihung der UN-Friedensmedaille durch Generalsekretär U Thant und die Uraufführung seiner „Hymne an die Vereinten Nationen“ – auch bekannt als Hymne für den Frieden.
Er hielt eine bewegende legendäre Rede, die er mit den berühmten Worten „I am a Catalan“ (Ich bin ein Katalane) begann. In dieser Rede hob er die Tradition des Friedens in seiner Heimat hervor. Katalonien sei einst die „größte Nation der Welt“ gewesen, weil es dort bereits im 11. Jahrhundert – lange vor England – ein Parlament und eine Versammlung für den Frieden und gegen die Unmenschlichkeit des Krieges gab. Dann: Obwohl er seit vielen Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten war, spielte er zum Schluss das katalanische Volkslied „El Cant dels Ocells“ (Der Gesang der Vögel) – eine Hymne für Frieden und Freiheit. Das Motiv des Friedens hat all sein Wirken immer mitbestimmt – er war Friedensbotschafter, Menschenrechtsaktivist und Fluchthelfer vor den Schergen Hitlers.
Pau Casals lebte während des Spanischen Bürgerkriegs im französischen Exil. Als Franco an die Macht kam, emigrierte er nach Puerto Rico, dem Geburtsland seiner Mutter. Er teilte mit, nicht wieder nach Spanien zurückzukehren bis die Demokratie wiederhergestellt worden sei, und so lange nicht mehr öffentlich aufzutreten, wie die westlichen Demokratien ihre Haltung gegenüber der Franco-Regierung nicht änderten.
Anlässlich der Uraufführung seines Oratoriums El Pessebre im April 1962 in San Francisco kündigte er an, den Rest seines Lebens dem Einsatz für Menschenwürde, Brüderlichkeit und Frieden zu widmen.
Die Musik und das Cello
„Ich brauche Bach am Morgen fast dringender als Essen und Trinken. Ich hätte nichts anderes sein können als Musiker“. Casals schreibt dazu in seiner Autobiografie, wie seine Liebe zum Cello bei einem Konzert in El Vendrell entstand: „Der Cellist war Josep García, ein Lehrer an der Musikschule Barcelona […]. Als ich sein Cello erblickte, war ich fasziniert; noch nie hatte ich so etwas gesehen. Als dann der erste Ton aufklang, war ich vollends überwältigt. […] Nie zuvor hatte ich solch einen schönen Ton vernommen. […] Für den Rest meines Lebens sollte es (das Instrument) mir Freund und Lebensgefährte werden.“ Vielleicht war dieses Instrument kein Zufall.
Das Cello (oder Violoncello) bildet fast genau die menschliche Stimmlage ab – vom tiefen Bass bis zum hohen Sopran. Sein Kernbereich liegt in der Tenor- und besonders in der Baritonlage. Das Cello entspricht unserer Kommunikationsfrequenz. Deshalb empfinden wir den wahren, oft fast melancholischen Klang des Cellos als besonders vertraut, angenehm und „authentisch“. Das Cello entsprach Pau Casals als Musiker und als Mensch.
Casals in der Musikwelt
David Oistrach, Yehudi Menuhin, Rudolf Serkin, Wilhelm Kempff, Leonard Bernstein, Arthur Rubinstein, Mstislav Rostropóvich, Andrés Segovia und Zubin Mehta, Krzysztof Penderecki: Freunde, Mitspieler, Gesprächspartner. Es war die Zeit künstlerischer Vernetzungen – wie in der Bildenden Kunst mit dem Blauen Reiter oder der Brücke und in der Musik mit der Zweiten Wiener Schule. Casals suchte den Austausch, die Auseinandersetzung, die Diskussion um Musik und Welt.
Als Cellisten werden Pau Casals und Mstislav Rostropowitch (1927 – 2007) oft in einem Atemzug genannt. Beide kannten sich und pflegten eine fast freundschaftliche Beziehung voll gegenseitiger Hochachtung. Die Verbindung reichte sogar eine Generation zurück: Rostropowitschs Vater Leopold hatte Cello bei Casals gelernt. Casals galt Rostropowitsch als großes Idol und der „König des Bogens“. Umgekehrt sah die Musikwelt in dem jungen Rostropowitsch den legitimen Nachfolger des zu Lebzeiten schon legendären Katalanen. Neben ihrer Musik verband sie auch ihr starkes politisches Engagement. Beide waren tief humanistisch geprägt.
“Sie haben Ihr Leben der Wahrheit, der Schönheit und dem Frieden gewidmet. Sowohl als Mensch als auch als Künstler verkörpern Sie die Ideale, die die Friedensmedaille der Vereinten Nationen symbolisiert.” U-Thant, Generalsekretär der Vereinten Nationen.
Den Friedensnobelpreis hat Pau Casals leider nie erhalten.
2026 und 2027 finden eine Vielzahl von Veranstaltungen anlässlich des 150sten Geburtstages von Pau Casals statt – vor allen Dingen in und durch die Fundació Pau Casals in El Vendrell.
Quellen
Robert Baldock: Pablo Casals, Das Leben des legendären Cellovirtuosen, Kindler Verlag GmbH, München, 1994
Pablo Casals: Licht und Schatten auf einem langen Weg. Erinnerungen aufgezeichnet von Albert E. Kahn, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 1971
Schlagwörter: Katalonien, Musik
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