Sant Jordi 2026: Kunst erben und vererben
Spricht man von Erbschaften, dann geht die Diskussion ganz schnell in Richtung Neiddebatte, besonders, wenn die Be-günstigten eine schöne Immobilie, Bargeld, Gold oder ein Aktienpaket erben. Die Realität ist aber oft anders.
Erben im privaten Bereich bedeutet zunächst einmal den Ver-lust eines geliebten oder zumindest gut bekannten Menschen. Wer dann schon einmal das elterliche Haus oder Wohnung ausgeräumt hat, der weiß, dass Erben durchaus seine Schat-tenseiten hat. Nicht nur die Auseinandersetzung mit den mate-riellen Dingen des Nachlasses, sondern vielmehr die Beschäfti-gung mit den persönlichen Dingen des Erblassers kann sehr herausfordernd sein. Das ideelle oder emotionale Erbe sollte nicht unterschätzt werden. Das Buch „Erbgut – Was von mei-ner Mutter bleibt“ von Marlen Hobrack, ist eine spannende Auseinandersetzung mit der verstorbenen Mutter. Marlene Hobrack erbt kein Einfamilienhaus und keine Altbauwohnung, sondern Schulden und die materiellen Zeugnisse der Kaufsucht des Messi-Haushalts der Mutter. Hier soll es aber nicht um das ideelle Erbe gehen, auch nicht um das Erbe aus Geld, Gold, Aktien und Immobilien, sondern um die großen und kleinen Kunstgegenstände.
Wird eine große Erbschaft angetreten, die aus den ver-schiedensten Objekten besteht, dann kann es sinnvoll sein, diese in Gruppen einzuteilen. Die erste Entscheidung ist, was ist von persönlicher Bedeutung, mit welchen Gegenständen möchte ich leben, oder welche sind mir als Erinnerungsstücke wichtig. Die nächste Grupp sind Kunstwerke und Gegenstände, die eine gewisse Bedeutung oder einen bestimmten Wert be-sitzen. Tatsächlich ist diese Gruppe in der Regel nicht beson-ders groß. Wer hat schon einen unbekannten Picasso oder Rubens zu Hause. Es gibt aber auch hier Ausnahmen. Vor Jah-ren war ich bei einer lieben alten Dame in Barcelona zum Kaf-fee eingeladen. Wir hatten uns über die Kunst angefreundet. Die Wohnung werde ich nie vergessen, war sie doch voll mit wunderbaren Werken von Miro. Meine Kunstfreundin hatte mir ganz verschwiegen, dass sie eine Verwandte des großen Künstlers ist.
Der größte Teil -und hier sind keine Gebrauchs- und Alltagsge-genstände gemeint- sind dekorative Bilder, Kunsthandwerk und Sammelstücke. Es gab Zeiten, da wurden Briefmarken gesammelt, aber auch Tassen, Kaffeemühlen, Zinnfiguren, Porzellanfiguren und Vieles mehr. Der Anschaffungspreis war bei den meisten sogenannten Kunstgegenständen ungleich höher als heute. Im Wert gestiegen sind Werke der großen Namen der Kunstgeschichte, die meisten Immobilien, Gold und die richtigen Aktien. Wohin also mit all den geerbten Gegen-ständen, die man nicht behalten möchte, die aber viel zu scha-de für die Mülltonne sind. Tatsächlich gibt es viel mehr Anlauf-stellen als vermutet. Angefangen bei Auktionshäusern, über Antiquitätenhändler, Gebrauchtkaufhäuser bis zu karitativen Einrichtungen.
Heute leben wir ganz anders als unsere Vorfahren. Dekorative Kunst und Kunsthandwerk haben heute einen anderen Stel-lenwert. Das moderne Erscheinungsbild der Wohnungen und Häuser ist ‚clean‘. Was aber, wenn man echte und wertvolle Kunst erbt? Tatsächlich sollte man sich davon trennen, wenn man keinen Bezug dazu hat oder diese als Belästigung empfin-det. Museen und Auktionshäuser helfen da gerne weiter. Ge-fallen einem die Werke, kann man sich glücklich schätzen.
Es gibt immer zwei Seiten: die Erblasser und die Erben. Die Erblasser geraten heute immer mehr in den Fokus. Gerade aus den nordeuropäischen Ländern kommt der Trend des ‚Death Cleaning‘, was nichts anderes bedeutet, als seinen Besitz auf ein Minimum zu reduzieren und den Erben nur wertvolle und notwendige Dinge zu hinterlassen. Dies ist ein radikaler Ansatz, bei dem die Kunst zum Glück außen vor ist.
Von Gabriele Jahreiß, April 2026
Infos:
Marlen Hobrack: Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt, Anna Seghers-Preis 2025, 240 S. HarperCollins, 23€
Schlagwörter: Literatur
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