Chez Matisse
Ausstellung im CaixaForum
Von Evelyn Patz Sievers, Mai 2026
„Ein Künstler darf nie Gefangener seiner selbst, Gefangener seines Stils, Gefangener seines Rufs, Gefangener seines Erfolgs sein.“ Henri Matisse Jazz (1947)
Dieses Leitmotiv zu seiner Bilderserie Jazz steht für die Vielfalt der Farbkonstruktionen, mit denen Henri Matisse experimentierte, auf der Suche nach innovativen Formen.
Gespannt auf die vom TaschenSpiegel organisierte Gruppenführung durch die Matisse-Ausstellung im Kulturzentrum CaixaForum – die ehemalige modernistische Textilfabrik CasaRamona – am Montjuïc, versammeln sich am Nachmittag ca. 20 Teilnehmer*innen in der hellen Eingangshalle. Man begrüßt sich herzlich und erhält Kopfhörer und Audio-Anhänger. Die Kunsthistorikerin Mercedes Vallvidiosa wird uns fachkundig durch die Ausstellung führen. Sie weist darauf hin, dass neben den Werken von Matisse auch solche anderer Künstler sowie aus einigen Künstlervereini-gungen („Brücke“, „Blauer Reiter“, etc) ausgestellt sind. Die Ausstellung beruht auf einer Leihgabe des Centre Pompidou, Paris, das z.Zt. renoviert wird.
Henri Matisse (1869-1954), einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, hatte mit seinen kühnen Farb- und Formkompositionen großen Einfluss auf viele Künstler seiner Zeit, darunter Pablo Picasso, Georges Braque, André Derain. Er erteilte als Mitbegründer des Fauvismus dem Naturalismus eine künstlerische Absage und ebnete den Weg für spätere Kunstbewegungen (Expressionismus, Abstrakte, PopArt).
Vor dem Selbstbildnis von Henri Matisse und etwa 50 weiteren seiner Gemälde erzählt Mercedes Details aus dessen Leben. Relativ spät entschließt sich Matisse, Maler zu werden und seine Laufbahn als Jurist aufzugeben. Er besucht in Paris die Académie Julian, belegt Abendkurse an der École des Arts Décoratifs und malt seine ersten Bilder im Stil des bürgerlichen Naturalismus. Wir beschauen Bilder von Maurice de Vlaminck, André Dérain und Georges Braque aus der Malergruppe Fauves, die sich 1905 in Colliure bildete. Hauptsächlich ging es hier um den Zusammenklang von leuchtenden, oftmals schwarz umränderten Farbflächen, die den Expressionismus einläuteten. Der Pointillismus – feine Punkte und Striche – offenbart sich in den Bildern von Paul Signac, Georges Seurat, Robert und Sonia Delaunay. Letztere vertreten den Neoimpressionismus und Kubismus und werden bekannt durch ihre farbenfrohen Licht- und Kreislinien.
Weiter führt uns Mercedes durch die Ausstellungsräume – gedämpftes Licht und lachsfarbene Wände lassen die Kunstwerke von innen her leuchten – zu einigen „Brücke“-Malern wie Emil Nolde, Max Pechstein und Ernst-Ludwig Kirchner und den Gründern der Münchner Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ (1911) Wassily Kandinsky und Franz Marc. In einer langen Glasvitrine sind dunkle Skulpturen (Rodin inspirierte) von Matisse zu bewundern.
Ein beliebtes Modell Matisses ist seine 1894 aus der Liaison mit Caroline Jaublaud geborene Tochter Marguerite: hier auf einem Bild in einem hochgeschlossenen blauen Kleid zu sehen. Typisch für Matisse sind weiterhin Innenräume, z.B. das Bild „Offenes Fenster in Colliure“ (1905) oder sein Atelier. Stilleben wie „Der gedeckte Tisch“ erinnern an den Einfluss von Cézanne. Auch Landschaften und exotische Frauenfiguren und -akte sind Malmotive für Matisse. Sein Atelier dekoriert Matisse zwischen 1917 und 1929 mit blumenübersäten Stoffbahnen, Teppichen und Vorhängen, die ihn zu weiteren Werken inspirieren. Während wir von Bild zu Bild wandern, füttert uns Mercedes mit geschichtlichen Fakten und Hintergrundwissen zu Matisse, die unseren Blick für Details schärfen und alles in einen Kontext setzen.
Als eine der wenigen Auftragsarbeiten für Porträts blickt uns das 1916 auf schwarzem Hintergrund gemalte ernste – fast finster wirkende – Bildnis des reichen Industriellen Auguste Pellerin entgegen.
Ab 1940 werden Scherenschnitte zu Matisses bevorzugtem Ausdrucksmittel, eine Technik, die er aufgrund einer schweren Erkrankung anwendet, die ihn zwingt, das Malen aufzugeben. Von Assistenten lässt er sich Papierbögen mit monochromer Gouachefarbe bemalten und schneidet daraus Formen und Figuren. Er nennt es „mit der Schere zeichnen“, denn diese Technik bot ihm die Möglichkeit, Linie und Farbe zu verbinden. 1947 wird eine Folge von im Schablonendruck vervielfältigten Scherenschnitten aus den Jahren 1943 bis 1944 als Künstlerbuch unter dem Titel „Jazz“ veröffentlicht. Der Titel spielt auf die Spontanität und Improvisation des Musikstils „Jazz“ an.
Vor dem zu einem überdimensionalen aus vielen einzelnen Scherenschnitten zusammengefügten Bild „Jazz“ lässt sich unsere Gruppe von einer Besucherin fotografieren als
Andenken an die interessante Führung durch die Matisse-Ausstellung, für die wir Mercedes herzlich danken! In der Cafetería verarbeiten wir bei lebhaften Gesprächen unsere reichhaltigen Eindrücke. Die meisten von uns – jedenfalls bin ich dabei – werden wiederkommen, um Augen und Sinne noch einmal in den Reigen von Farben und Formen dieser phantastischen kalaidoskopischen Matisse-Ausstellung einzutauchen.
Info
Chez Matisse – El legado de una nueva pintura
CaixaForum Barcelona , Av. Francesc Ferrer i Guàrdia, 6-8
– 27. März bis 16. August 2026, Mo- So 10-20h, Eintritt: 6€, Caixa-Kunden gratis
+34 93 476 86 00, icaixaforumbcn@magmacultura.com
Schlagwörter: Kultur, Malerei
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