Hilma af Klint im Grand Palais

Hilma af Klint: erste abstrakte Malerin
Die Visionärin, die ihrer Zeit voraus war
von Yasmina Abd Elrahman, September 2026
Hilma af Klint gehört zu den außergewöhnlichsten Künstlerinnen der Kunstgeschichte. 1862 in Schweden geboren, gehörte sie zu den ersten Frauen, die an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm studieren durften. Dort erhielt sie eine fundierte akademische Ausbildung und hätte eine erfolgreiche Karriere als Malerin ihrer Zeit verfolgen können. Doch in ihr entstand ein anderer Ruf, dem sie schließlich ihr gesamtes Leben widmete.
Gemeinsam mit der spirituellen Gruppe „Die Fünf“ beschäftigte sie sich mit Séancen, automatischem Zeichnen und spirituellen Botschaften. Af Klint war überzeugt, einen geistigen Auftrag erhalten zu haben: Sie sollte eine Wirklichkeit sichtbar machen, die jenseits der materiellen Welt existierte. Aus dieser Überzeugung entwickelte sie eine völlig neue Bildsprache.
Bereits 1906 begann sie abstrakt zu malen, Jahre vor Kandinsky und anderen Künstlern, denen später die Entwicklung der abstrakten Kunst zugeschrieben wurde. Zwischen 1906 und 1915 entstand ihr monumentaler Zyklus „Die Bilder für den Tempel“ mit 193 Werken. Dazu gehören die Serien „Urchaos“, „Eros“, „Die Zehn Größten“, „Evolution“, „Der Schwan“ und „Die Taube“. Af Klint arbeitete konsequent in Serien und entwickelte ein komplexes System aus Farben, Formen und Symbolen. Insgesamt hinterließ sie mehr als 1.000 Werke und über 125 Notizbücher, in denen sie ihre Gedanken, Skizzen und spirituellen Vorstellungen festhielt.
Zu Lebzeiten fand sie für ihre abstrakte Kunst kaum Verständnis. Sie konnte diese Werke nicht in der Weise öffentlich ausstellen, wie sie es sich vorgestellt hatte, und war überzeugt, dass die Welt noch nicht bereit dafür sei. Deshalb verfügte sie, dass ihre abstrakten Arbeiten zunächst 20 Jahre nach ihrem Tod nicht gezeigt werden sollten.
Hilma af Klint starb 1944. Tatsächlich vergingen 42 Jahre, bis ihre abstrakten Werke 1986 in der Ausstellung „The Spiritual in Art: Abstract Painting 1890 bis 1985“ in Los Angeles erstmals einem größeren Publikum präsentiert wurden. Zu diesem Zeitpunkt war die Kunstwelt längst offen für Abstraktion und spirituelle Fragestellungen. Was Jahrzehnte zuvor wie eine Botschaft aus der Zukunft gewirkt hatte, fand nun ein Publikum, das bereit war, sie zu entdecken.
Heute erreicht ihre Kunst ein internationales Publikum in Millionenhöhe. Die Ausstellung „Hilma af Klint: Les Peintures du Temple“ im Grand Palais zog mehr als 225.000 Besucherinnen und Besucher an. Jede Begegnung mit ihren Arbeiten ist eine besondere Bereicherung. Ob Zeichnung oder monumentales Gemälde, die Bilder leuchten vor Energie. Ihre Farben, organischen Formen und geheimnisvollen Symbole berühren beim Betrachten eine Ebene in uns, die jenseits von Raum und Zeit liegt, eine Wahrheit, die sich mit Worten kaum vermitteln lässt.
Gerade deshalb brauchen ihre Arbeiten Raum. Besonders die großformatigen Gemälde entfalten ihre Wirkung erst aus einer gewissen Distanz. Im Grand Palais standen die Werke teilweise relativ dicht beieinander. Die Ausstellung war dadurch nicht weniger beeindruckend, doch etwas mehr Abstand hätte den einzelnen Bildern ermöglicht, ihre ganze Kraft noch stärker zu entfalten. Bei der Ausstellung im Guggenheim Bilbao 2024 und 2025 konnten die monumentalen Werke ihre volle Kraft entfalten.
Denn für Hilma af Klint waren ihre Bilder nie nur einzelne Kunstwerke. Sie waren Teil einer größeren geistigen Vision, die sie sich in einem Tempel vorstellte, einen Weg zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung ihrer Geschichte: Hilma af Klint zeigt, was geschehen kann, wenn ein Mensch seiner inneren Aufgabe mit absoluter Hingabe folgt, auc

h dann, wenn niemand sie versteht und man selbst die Erfüllung der eigenen Vision nicht mehr erlebt.
Und wenn die sichtbare und die unsichtbare Welt tatsächlich miteinander verbunden sind, wie Hilma af Klint glaubte, dann darf man vielleicht sogar hoffen, dass sie auf einer anderen Ebene noch miterlebt, wie heute Hunderttausende Menschen vor ihren Bildern stehen und von ihnen berührt werden.
Infos
Grand Palais Paris
https://www.grandpalais.fr/en/magazine/hilma-af-klints-paintings-temple-mission-guided-angels
doku:
Schlagwörter: Frauen, Kunst, Malerei
Share On Facebook
Tweet It
































