Märchenstunde

Das tapfere Geißlein: Grimms Märchen
Ja, es war einmal und zwar schon lange, lange bevor die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, geboren 1785 und 1786, mit ihrer Märchensammlung begannen.

Marie Hassenpflug (li) und Dorothea Wild trugen mit ihren Geschich-ten zur Grimmschen Märchensammlung bei, das ist kein Märchen
Die beiden waren neben anderem auch Linguisten und beschäftigten sich hauptsächlich mit der Volkspoesie. Sie fanden heraus, dass in verschiedenen Ländern schon in Zeiten vor Christi ähnliche Geschichten existierten. Sie begannen aus diesem Grund, die Märchen, wie man sie zu ihrer Zeit mündlich übermittelt bekam, zu sammeln und aufzuschreiben und forschten dabei weiter, wo und wann der Ursprung war. Vieles stammt sicher aus der germanischen Mythologie. Es ist nicht sicher, ob sie wirklich durch die Lande reisten, um die Märchen persönlich bei den Menschen einzusammeln, vielmehr wurden ihnen wohl von verschiedenen Leuten, wie zum Beispiel von Marie Hassenpflug und Dorothea Wild, ab 1806 immer wieder neue Geschichten für ihre Sammlung erzählt. Kein Fernseher, kein Radio, kein Computer, da war das Erzählen von Märchen beim Zusammensitzen eine schöne und spannende Unterhaltung. Die Geschichten waren eigentlich für Erwachsene und nicht für Kinder gedacht, dazu waren sie in einer zu derben Sprache mit teils sogar pornografischen Andeutungen gehal-ten. Die Brüder veränderten zum Teil die Texte, schmückten sie aus und 1810 entstand so die erste Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen. Sie war kein großer Erfolg. Der stellte sich erst durch die zeitangepassten Veränderungen ein.
Also nehmen wir mal das Märchen von Hänsel und Gretel. Es herrscht Hungersnot, der Vater ist Holzfäller und verdient kaum etwas. So war es damals auch wirklich. Die Holzfäller konnten oft nur mit Naturalien bezahlt werden. Aber weiter: die Mutter schlägt vor, die Kinder im Wald auszusetzen. Auch das war zu den schweren Zeiten nicht ungewöhnlich. Kinder wurden fortgeschickt, da es kein Essen für alle gab. Sie mussten sich irgendwie selber durchschlagen. Da die Mutter aber für bedingungslose Liebe steht, wurde aus ihr später im Märchen eine Stiefmutter. Der Wald war kein Platz für schöne Spazier-gänge. Es gab Bären und sogar Löwen (wo kamen die denn her?) im deutschen Wald und so war der Wald ein Symbol für alles Unheimliche. Welche Versuchung das leckere Knusperhäuschen für Hänsel und Gretel war, konnte sich jeder gut vorstellen. Auch eine Hexe war im Volksglauben noch stark verankert, obwohl die Zeiten der Hexenverfolgung schon längst Geschichte waren. Ja, die Märchen sind grausam, aber es geht in vielen um Kinder, die sich beweisen müssen und das tun sie auch und das Märchen geht immer gut aus.
Psychologen haben die Grimmschen Märchen analysiert und meinen, sie sind für Kinder viel zu grausam und regelrecht gefährlich. Ich kenne eigentlich kein Kind, dem ein Märchen auf seinem weiteren Lebensweg geschadet hätte. Meine Mutter fand Fernsehsendungen mit Karikaturen wie Tom und Jerry viel unpassender, weil der arme Kater durch ein Schlüsselloch gezerrt, mit Stacheldraht umwickelt und auch sonst von einer kleinen Maus ständig malträtiert wird. Meine Kinder haben keinen Schaden davongetragen. Offensichtlich können Kinder die Dinge besser einordnen als Erwachsene glauben.
Noch ein Wort von Gottfried Herder: ein Kind, dem nie Märchen erzählt worden sind, wird ein Stück Feld in seinem Gemüt behalten, das in späteren Jahren nicht mehr bebaut werden kann.
Von Dixi Greiner, April 2026
Schlagwörter: Kultur
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